Jeremy Jay – Slow Dance


Mit den Daumen in den Hosentaschen steht er da. Jeremy Jay, der Mann für den Croonen einfach zum Geschäft gehört.
“Slow Dance” überzeugt auf ganzer Linie. Der Winter ist zurück und gerade deswegen möchte Jay tanzen und ausgehen, doch anscheinend will ihn niemand begleiten. Auch seine “Yeahs” und oft gestöhnten “Alrights” scheinen die Girls kalt zu lassen. Kalt ist auch die Produktion von K-Rec– Betreiber Calvin Johnson.
Neonlicht und hoher Rüdenanteil machen jeden Tanzabend zur Katastrophe. Doch Jeremy Jay gibt nicht auf, bleibt unermüdlich, smart und sexy. Sein Synthiepop mit 80ziger-Stakkatogitarre treibt den Gläubigen Tränen in die Augen. Alle anderen bekommen die Ladies ab.
Gerecht oder ungerecht? Wie wir alle wissen stammt das Wörtchen Leidenschaft von Leiden ab und niemand leidet und stolziert zur Zeit so losgelöst durch die Discotheken wie Jeremy Jay.

Scott Matthew – There is an ocean …

Der weinende Bartträger aus “Shortbus” legt nun sein zweites Album vor. Der Titel lässt einen schon mit offenem Munde zurück. “There is an ocean that divides – and with my longing i can charge it – with a voltage thats so violent – to cross it could mean death.”
Puh Weltrekord! Der Australier, der seit zwölf Jahren in New York lebt, und dort die Folkmomente intimisiert, legt uns nun ein pianolastiges Monster in die Ohren. Natürlich glitzert die Schönheit ständig durch. Wir leiden mit dir, Scott!
“The devil taught me alibis”
Gastmusiker wie Kevin Devine und Marisol Limon Martinez veredeln diese traurigen Tunes mit ihrer Präsenz. Nach jedem einzelnen Song pustet man kurz durch und hofft auf Sonnenschein. Doch Matthew wispert und flennt sich durch alle Stücke. Es wird Zeit den Kajal rauszuholen und die Rasierklingen zu entsorgen. Erstens um sich nicht zu ritzen, und zweitens um das mit dem Rasieren zu lassen. Schönheit kommt von Innen!
Hair Peace!

My Drug Hell – My Drug Hell 2


Als Tim vor nun mehr als 12 Jahren seine Großmutter verlor, vermachte diese ihm 2500 £. Das Geld steckte er in die Veröffentlichung der ersten My Drug Hell. “Girl At The Bus Stop” schaffte es bis auf MTV. Tim überlebte die Drogenhölle der kommenden Jahre. Psychedelic war immerhin eine Musik, die mich nicht vollkommen ankotzte.
Das spürte Tim.
“Don’t Fall In Love” singt er nun, weil er es auch nicht einfach hat. Warum Erwartungen nicht zerstreuen, nur weil man aus London kommt und Mullets trägt?
Keine Frage, das ist Psychedelic-Pop, absolut zurückgeblieben. Auch mein Lieblingssong “Maybe We Could Fly” war schon auf der anderen Platte.
Aber ich mag Tim. Der einzige ohne Mullet. Seine wilden Locken wachsen aus seinem Kopf, als würden sie schreien: “Something’s Not Quite Right!” “For all the books I have read, I’ll never know what goes on in your head”. Auch ein Lovesong dieses “Mysteries Of Love”.
Tim hadert. Scheiß Drogenhölle.
Tolle My Drug Hell Platte.

Gregory Taylor – Amalgam:Aluminium/Hydrogen

Kann man einen künstlichen Diamanten von einem natürlichen unterscheiden? Kann der menschliche Hörsinn regenerieren? Was war eigentlich noch mal Granularsynthese? Wann schmilzt Aluminium? Sollten wir wieder mehr Zwieback essen? Wie werden wir Winfrid Trenkler? Was hat Gamelan mit Glitch zu tun? Bekommen wir auf all diese Fragen Antwort von Gregory Taylor? Ja, so ziemlich.
Doch Vorsicht! Nur scheinbar haben wir es bei seinem Erstling mit Ambient-Gefälligkeiten zu tun. Tatsächlich werden die zentralen Ebenen der Komposition geschickt mit einander verwoben. Klangfarben und rhythmische Strukturen entwickeln sich anscheinend selbst ihren eigenen Kompositionsalgorhythmus, in Echtzeit.
Nichts ist hier beiläufig, nichts nur so dahin gespielt. Mutationen changierender Klangwolken entwickeln sich um ihrer selbst Willen, jedoch nicht, um Atmosphäre zu heischen. Sie haben Zeit. Zeit sich gegen und durcheinander zu reiben, sich weiter zu treiben – in aller Langsamkeit – zu verdrehen und ineinander zu fräsen, um dann wieder auseinander und gegeneinander zu laufen. Aber immer nur minimal. Und nur für eine Weile, für ein paar Takte. Welche Takte? Keine Takte. Auf einer Welle vielleicht. Die eine, die besondere, die mit sich selbst spielt. Als “Game of Life” der Klänge mäandert sie weiter, als organische Kompositionsmaschine aus Pangäa.
Das Album “Amalgam: Aluminium/Hydrogen” von Gregory Taylor ist 2007 bei Palace of Lights erschienen.

Pet Shop Boys – Yes

Alle Jahre wieder veröffentlichen die Pet Shop Boys ein neues Album. “Yes” heißt es nun und besticht erneut durch Melodien für Millionen.
Artwork und Produktion sind hervorzuheben, aber das kennt man von Tennant und Lowe zu genüge. Johnny Marr greift zwischenzeitlich in die Saiten und Owen Pallett lässt die Streicher streichen.
Und die Songs? Auch hier ist auf die beiden Verlass. Große Hits, etliche singlekompatible Perlen, kühle Lovesongs und natürlich heimliche Nicht-Hits, die vielleicht erst in ein paar Jahren zu Klassikern heranwachsen. Auch textlich bleibt Tennant auf der Höhe der Zeit. Der vielleicht neben Morrissey und Stephin Merritt beste Texter dieses Universums erzählt Zwischenmenschliches sowie Gesellschaftrelevantes in traumhaften Reimen. Zum Darniederknien!
“Beautiful people”, “All over the world” und das Monument “Building a wall” stechen heraus. Alle popaffinen Stehtänzer dieser Welt, zu denen auch ich mich zähle, verneigen sich vor diesen beiden Herren.
Tennants Stimme scheint nicht zu altern. Auf die nächsten zwanzig Jahre! So lange es die Pet Shop Boys gibt bleibt Popmusik das ganz heiße Ding.

Bill Callahan – Sometimes I wish we were an eagle

Der Brummbär ist zurück ! Oh Wahnsinn diese Stimme, sie catcht einen schon nach den ersten Zeilen.
Bill Callahan, der Mann der mal Smog war und nun schon zum zweiten Mal aus dem Dunstkreis seines Alter Egos tritt, belässt eigentlich alles beim Alten. Seine Baritonstimme thront über einfach strukturierten Folkperlen.
Zwischendrin träumt Bill vom ultimativen, perfekten Popsong, doch am nächsten Morgen steht nur “Eid Ma Clack Shaw” in seinem Textbook.
Pech !
Trotzdem ist ihm mit “Sometimes …” ein ähnlicher Wurf gelungen wie damals als Smog mit “Knock Knock”. Das Album flutscht so durch, dass die Repeattaste schnell gedrückt werden sollte, um nochmal diese warme Stimme in sein Herz zu lassen. Am Ende wird es Zeit Gott zu verbannen, um endlich seinen inneren Frieden zu finden. Mantraartig zelebriert Mr. Callahan fast zehn Minuten lang seinen Entschluß ab jetzt Gott nicht mehr zu vertrauen.
Doch das Kernstück des Albums ist das famose “All thoughts are prey to some beast”. Wie zu besten “Red apple falls”-Zeiten steigert sich Bill zu krachenden Gitarren und Tomgewirbel in einen Rausch. “I will always love you, my friend”. Dito. Joanna Newsom sieht dies wohl anders. Gut, sie hat ja noch ihre Harfe.
Wer in diesen Tagen noch das I-Tüpfelchen zum ebenfalls saugeilen Bonnie “Prince” Billy Album braucht sollte sich Labelmate Bill Callahan zulegen. Jahreschartsempfehlung !