Richard Swift – The Atlantic Ocean


Die Frage, ob Lennon oder McCartney beantwortet Swift mit “The Atlantic Ocean”.
Würde John noch leben hätte er sich mit Sean um den Gastauftritt bei “Ballad of old what’s his name” geprügelt.
Der von Jeff Tweedy entdeckte Richard Swift meistert all diese Lennon-Prüfungen vorzüglich. Zum Teil im Wilco-Loft in Chicago aufgenommen erstrahlt das Album mit Rock’n’Roll-Banjo in funkelnden Facetten. Der Allrounder mit der Ausnahmestimme perfektioniert, mit dem auf Secretly Canadian erscheinenden Album, sein Songwritertalent.
Natürlich fehlt manchmal ein wenig der Dreck, doch das darf man ihm nicht vorwerfen. Und sogar die Kopfstimme bei “Lady Luck” verzeiht man dem Lockenkopf gern. Charmant dudelt sich Swift durch die Musikgeschichte. In den Pubs Liverpools dürfte so mancher Dartpfeil das Bulls Eye treffen. Die Amis sind halt überall zu Haus. Nach einem Rock-Doppelalbum holt Swift nun endlich die Radiotauglichkeit aus dem Gitarrenkoffer. Auch dies soll kein Vorwurf sein.
Somit ist “The Atlantic Ocean” ein mustergültiges Popalbum. Nicht nur für Wilco-Fans oder Langzeitbeobachter.

Jeremy Jay – Slow Dance


Mit den Daumen in den Hosentaschen steht er da. Jeremy Jay, der Mann für den Croonen einfach zum Geschäft gehört.
“Slow Dance” überzeugt auf ganzer Linie. Der Winter ist zurück und gerade deswegen möchte Jay tanzen und ausgehen, doch anscheinend will ihn niemand begleiten. Auch seine “Yeahs” und oft gestöhnten “Alrights” scheinen die Girls kalt zu lassen. Kalt ist auch die Produktion von K-Rec– Betreiber Calvin Johnson.
Neonlicht und hoher Rüdenanteil machen jeden Tanzabend zur Katastrophe. Doch Jeremy Jay gibt nicht auf, bleibt unermüdlich, smart und sexy. Sein Synthiepop mit 80ziger-Stakkatogitarre treibt den Gläubigen Tränen in die Augen. Alle anderen bekommen die Ladies ab.
Gerecht oder ungerecht? Wie wir alle wissen stammt das Wörtchen Leidenschaft von Leiden ab und niemand leidet und stolziert zur Zeit so losgelöst durch die Discotheken wie Jeremy Jay.

Scott Matthew – There is an ocean …

Der weinende Bartträger aus “Shortbus” legt nun sein zweites Album vor. Der Titel lässt einen schon mit offenem Munde zurück. “There is an ocean that divides – and with my longing i can charge it – with a voltage thats so violent – to cross it could mean death.”
Puh Weltrekord! Der Australier, der seit zwölf Jahren in New York lebt, und dort die Folkmomente intimisiert, legt uns nun ein pianolastiges Monster in die Ohren. Natürlich glitzert die Schönheit ständig durch. Wir leiden mit dir, Scott!
“The devil taught me alibis”
Gastmusiker wie Kevin Devine und Marisol Limon Martinez veredeln diese traurigen Tunes mit ihrer Präsenz. Nach jedem einzelnen Song pustet man kurz durch und hofft auf Sonnenschein. Doch Matthew wispert und flennt sich durch alle Stücke. Es wird Zeit den Kajal rauszuholen und die Rasierklingen zu entsorgen. Erstens um sich nicht zu ritzen, und zweitens um das mit dem Rasieren zu lassen. Schönheit kommt von Innen!
Hair Peace!

Klinsi – Tränen im Knopfloch

Fängt man vorne oder hinten an? Der Feng-Shui-Meister ist raus! Tut das irgend jemandem weh?
Vielleicht!
Der deutsche Fußball verliert eine schillernde Kunstfigur. Eigentlich den Konny Reimann des Rasensports, den Heimkehrer ohne festen Wohnsitz. Den Schwabenbäcker und Spusi Löws, der die Kickerwelt mit all seinen Nonsensauftritten bereichert hat. Sein Antifußball wird in die Bayerngeschichte eingehen.
Gegen Barcelona halfen die Räucherstäbchen nicht und gegen Wolfsburg kein Torwart. Doch hat er nicht einfach seinen Job gemacht? Jeden verfickten Tag einen Spieler schneller (Lell), schöner (Demichelis) und kantiger (van Bommel)? Die Lust am Erfolg ausgebremst? Weg von Titeln und Schalen?
Klinsi, der Pink-Punk der Liga! Spaß am Ball zu haben und unter der Dusche das prickeligste Duschgel aus der Tasche zu zaubern. Mehr konnte man doch nicht erwarten. Ich werde ihn vermissen. All die Interviews und Klangcollagen. All das Bubu und Huhu! All das über Außen und durch die Mitte.
Man hat oft die Lust verloren, wenn nicht auch er. Doch ist er der Buhmann? Der Kaiser und all die anderen Exbaracken versuchen zu verschleiern. Klinsmann ist der Erneuerer der Fußballphilo. Er hat verstanden, dass Dinge Zeit brauchen. Die Letzten werden die Ersten sein. Platz 3 ist besser als Platz 4. Toni ist besser als Podolski. Bayern ist besser als Fortuna. Klinsi hat begriffen, dass Deutschland nicht sein Land ist. Und die Bundesliga nicht seine Liga. See u Klinsi, perhaps with the Blau Blau Brause or any other funny Team. Beim gemeinsamen Duschen würd ich gern nochmal ‘ne Viererkette nachstellen. Jetzt ist hinten vorne.

Pet Shop Boys – Yes

Alle Jahre wieder veröffentlichen die Pet Shop Boys ein neues Album. “Yes” heißt es nun und besticht erneut durch Melodien für Millionen.
Artwork und Produktion sind hervorzuheben, aber das kennt man von Tennant und Lowe zu genüge. Johnny Marr greift zwischenzeitlich in die Saiten und Owen Pallett lässt die Streicher streichen.
Und die Songs? Auch hier ist auf die beiden Verlass. Große Hits, etliche singlekompatible Perlen, kühle Lovesongs und natürlich heimliche Nicht-Hits, die vielleicht erst in ein paar Jahren zu Klassikern heranwachsen. Auch textlich bleibt Tennant auf der Höhe der Zeit. Der vielleicht neben Morrissey und Stephin Merritt beste Texter dieses Universums erzählt Zwischenmenschliches sowie Gesellschaftrelevantes in traumhaften Reimen. Zum Darniederknien!
“Beautiful people”, “All over the world” und das Monument “Building a wall” stechen heraus. Alle popaffinen Stehtänzer dieser Welt, zu denen auch ich mich zähle, verneigen sich vor diesen beiden Herren.
Tennants Stimme scheint nicht zu altern. Auf die nächsten zwanzig Jahre! So lange es die Pet Shop Boys gibt bleibt Popmusik das ganz heiße Ding.

Bill Callahan – Sometimes I wish we were an eagle

Der Brummbär ist zurück ! Oh Wahnsinn diese Stimme, sie catcht einen schon nach den ersten Zeilen.
Bill Callahan, der Mann der mal Smog war und nun schon zum zweiten Mal aus dem Dunstkreis seines Alter Egos tritt, belässt eigentlich alles beim Alten. Seine Baritonstimme thront über einfach strukturierten Folkperlen.
Zwischendrin träumt Bill vom ultimativen, perfekten Popsong, doch am nächsten Morgen steht nur “Eid Ma Clack Shaw” in seinem Textbook.
Pech !
Trotzdem ist ihm mit “Sometimes …” ein ähnlicher Wurf gelungen wie damals als Smog mit “Knock Knock”. Das Album flutscht so durch, dass die Repeattaste schnell gedrückt werden sollte, um nochmal diese warme Stimme in sein Herz zu lassen. Am Ende wird es Zeit Gott zu verbannen, um endlich seinen inneren Frieden zu finden. Mantraartig zelebriert Mr. Callahan fast zehn Minuten lang seinen Entschluß ab jetzt Gott nicht mehr zu vertrauen.
Doch das Kernstück des Albums ist das famose “All thoughts are prey to some beast”. Wie zu besten “Red apple falls”-Zeiten steigert sich Bill zu krachenden Gitarren und Tomgewirbel in einen Rausch. “I will always love you, my friend”. Dito. Joanna Newsom sieht dies wohl anders. Gut, sie hat ja noch ihre Harfe.
Wer in diesen Tagen noch das I-Tüpfelchen zum ebenfalls saugeilen Bonnie “Prince” Billy Album braucht sollte sich Labelmate Bill Callahan zulegen. Jahreschartsempfehlung !