Klassiker: Tortoise – TNT

Was hat man nicht alles über dieses Album gesagt. Es wäre nur eine Wiederholung der ersten beiden Alben in besserer Produktion. Es wäre nur ein angeberisches Mash-Up aus großen Begrifflichkeiten wie Electronica, Jazz und ja auch Post-Rock. Vieles wäre so dunkel geraten, dass nur das lustige Doodle-Männchen auf dem Cover Humor versprüht. Einige Spinner warfen dem Album sogar vor, nicht genug Uptempo zu sein.
TNT ist vielleicht genau aus diesen vielen Gründen, Meinungen und Schwachsinn ein Klassiker geworden. Der Inbegriff des Begriffs Post-Rock. TNT geht immer. Man kann es meditativ, bierlaunig und auch als Dinner-For-Two-Abstrusität einsetzen. Es pulsiert, pluckert, wärmt, lässt einen frösteln, kickt und verstört. Wer Dub nicht will, bekommt ihn. Wer Krautrock bislang nur aus Werner Herzog-Filmen kennt, wird in die Welt eines Tattoostudios in Chicago gelotst und erfährt den Kosmos des Thrill Jockey-Labels.
John McEntire trommelt so sauber, dass man bei einem Tischgespräch ins Abschweifen gerät, da man auf Ungereimtheiten wartet. Die jazzy Trompeten durchforsten das Innerste des Muckertums und das Fehlen der Stimme ist angenehm untrendy.
Tortoise switchen in den Gezeiten hin und her. Mal lassen sie die Wellen der Siebziger an den Schallmauern der Zukunft zerschellen, mal sind sie so kühl abstrakt, dass ihnen fast der Flow und Groove abgehen.
Die wilden Momente sind vielleicht die bahnbrechendsten. Man schweift an Steve Reichs Reich vorbei, man überrumpelt Morricone auf dem dreibeinigen Pferd und verflüssigt Enos Ambient-Flughäfen zu Seenplatten.
All das muss man nicht hören, all das muss man nicht kennen, denn TNT funktioniert auch bei den Unwissenden und Teilnahmslosen, denn immer wieder funkelt dieses Album. Mal dunkel, mal hell erstrahlt mit Holzhammer-Scheinwerfern. Jeff Parkers Gitarrenspiel holt dich aus der Lethargie. Ein Genie.
TNT ist ohne Tricks. Ein Album, dass sich auch nach Jahren ständig verjüngt. Tortoise versuchen sich am strukturierten Improvisieren, dem man sich schon nach zwei Takten nicht entziehen kann. Popmusik war noch nie so nah am und fern von Rock. Ein zeitloses Werk, das sich immer wieder neu beweisen muss, aber jedem Kritiker die Zähne zieht.

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