Herbert Grönemeyer – Dauernd Jetzt

Grönemeyer macht es sich nicht leicht. Er kann Refrains schreiben, doch auf Dauernd Jetzt lässt er sie oft liegen oder umschifft sie mit Brücken und gesteigerter Dramatik, die nur kurze Augenblicke aufleuchten lassen und manchmal schnell an Feuerlicht oder Glanz verlieren. Ganz clever komponiert. Zu kompliziert? Seine Fans folgen ihm eh auf Schritt und Tritt. Also warum so viel Mühe? Vielleicht bekommen sie vieles gar nicht erst mit. Sie vergeben ihm ja auch so einen Unsinn wie „Der Löw“.
Grönemeyers Sound ist immer am Puls der Zeit. Er schnüffelt Zeitgeist und ist dennoch irgendwie ewig gestrig. Grönemeyer nimmt sich einen Klang, einer Idee an und drückt dann den Grönemeyer-Stempel auf die Tasten. Wenn das Rock ist, dann aber einer, der etwas fad und plump muckt. Pop ohne Showtreppe, dafür mit Massen an Text, an Adjektiven und Attributen, die jedem Oberstudienrat den Kratzpulli ins Gesicht ziehen lassen. Folk ohne Hut und Stock. Grönemeyer klingt wie Grönemeyer, der klingen will wie….

© Ellen von Unwerth
© Ellen von Unwerth

Grönemeyer covert sich auch ein bisschen selbst. Manches hat ja mal funktioniert. Er lebt Songs weiter, Akkorde und Noten streicheln sich oder bebauchpinseln sich, sogar Gesangsmelodien streifen durch den Backkatalog und sagen Hallo.
So ist Dauernd Jetzt ein typisches Grönemeyer-Album, das immer dann gefällt, wenn Herbert das Klavier perlen lässt, wenn er den Chansonier, den Romantiker und den Troubadour macht. Hier erschafft er sein eigenes Genre: Den Grönemeyer-Balladen-Heuler.
Man mag doch diese Wendungen, die gedrückte Stimme, die Knödel und Hupe zugleich ist, aber mit eigenen Background-Vocals schon mal eine Gänsehaut aus dem Hut zaubert. Zwei, drei Singles tuen sich auf, anderes wiederum bleibt amtlich, aber leicht nervös. Hat man sich durch die Texte gewühlt, sie vielleicht viermal gehört, funktionieren auch die Randnummern besser. Man singt, brummt oder knödelt eifrig mit. Grönemeyer ist ein guter Kerl, der Alben veröffentlicht, die sich weigern, ganz locker zu sein. Er könnte und bräuchte nur zu liefern, doch Grönemeyer bleibt Künstler, nicht Witzfigur. Immer schweben etwas Moll und Wolken über den Songs.
Nicht Grönemeyer ist der Mainstream, sondern das Drumherum. Gar nicht so die Musik. Er ist eine Institution geworden, die sich selbst gar nicht so ernst nimmt, aber vom Gefolge bis aufs Blut hofiert wird. Grönemeyer-Fans sind fies. Ja, jetzt ist es raus. Irgendwie waren sie es immer schon. Seine Fans werden vielleicht sogar eher zu den alten Scheiben greifen und sich gefühlig bei den Konzerten umarmen. Eine neue Veröffentlichung ist für sie der Grund, das alte Tour-Shirt raus zu kramen.
Früher war alles besser. Bleibt alles anders. Total Egal. Dauernd Jetzt hat Momente. Ich muss mich nicht schämen. Hey, ich bin einer von euch, nur ohne Shirt und Stehblues-Fanatismus.

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