Pünktchen ohne Anton – Kurzkritiken zu aktuellen Tonträgern

Endlich mal wieder Punkte, Sterne oder Ohren.

gravenhurstGravenhurst – Black Holes In The Sand & Flashlight Seasons & Offerings: Lost Songs 2000-2004

Gravenhurst ist nun da angekommen, von wo es kaum noch safe zurück geht. Warp veröffentlicht zwei alte Alben und ein Lost-Songs-Album. Gravenhurst und Warp zeigen uns noch einmal in aller Pracht, wie schön Gitarren-Pickings, verhuschte Vocals, dunkle, ja fast pastorale Psychedelik und Lo-Fi sein können. Nick Talbots Stimme sucht nach einem Geschlecht. Ein Hauch von Feedback bringt Wind, Geheul, Unruhe und Unbehagen mit. Gravenhurst bleibt wohl auch die nächsten zwanzig Jahre ein Meister des Anrührens, des Weglassens und der Theatralik. Nur es gibt kein zurück mehr. Nach der Werkschau ist vor dem Aus. Oder täusche ich mich? Ich hoffe. Denn Wiederholungen, nur um den Gehaltsscheck einzulösen, wollen wir von Talbot nicht hören.

8/10

Sound Of Yell – Brocken Spectre

sound of yellSound Of Yell ist mehr ein Ein-Mann-Projekt als es klingt. Stevie Jones schmückt sich mit der schottischen Musikprominenz aus dem Chemikal Underground-Umfeld und fabuliert eine Collage aus Tradition, Freispiel, Jazz und Akustik. Seine Finger tänzeln über den Gitarrenhals, mal suhlt man sich in Schottland, mal in Brasilien, mal stimmen Stimmen etwas an oder eine Geige macht Platz für die Harmonika.

Brocken Spectre ist Zuhörmusik-Musik für den entspannten Frühabend, kurz vor dem ersten Bier. Sound Of Yell erweckt Lebensgeister und erspielt sich eine wohlige Laune, die aber auch an ihre Grenzen kommt, wenn das Piano zu sehr tropft. Mittelklasse.

5/10

love inks

Love Inks – EXI

Love Inks sind die hektischen The XX, die sich in 80s-Herzen schwurbeln wollen. Die Drum-Machine gibt wirklich Gummi.

Die Bassdrum humpelt ständig. Sherry LeBlanc singt gedankenverloren, verliebt, süß und ein wenig trantütig ein mellow Schneegestöber daher. Manchmal tritt Ruhe ein. Man wagt es kaum zu schlucken.

Im nächsten Moment machst du EXI aus und suchst nach The XX bei Youtube oder im CD-Regal deiner hippen Mitbewohnerin. Heimlich tauschst du die CDs aus. Wie lange wird sie brauchen, um den Klau zu bemerken?

3,5/10

crowley

Adrian Crowley – Some Blue Morning

Adrian Crowley ist der Leonard Cohen, der sich nicht traut Leonard Cohen zu sein. Kein typisches Abziehbild, mehr Fan und Harmlos-Crooner, aber auch ein Mann, der weiß, was er da macht. Understatement hat hier Plan.

Some Blue Morning hat elf Songs, die wie ein Song klingen. Mal mit Ruhe, mal mit weniger Substanz, mal mit Tränen, mal mit Geschichte. Crowley variiert nicht, er bleibt bei seiner cineastischen Anmutung.

Er ist ein Storyteller, der die Nacht liebt und am blauhimmligen Morgen seinen Hut zurechtrückt und in ein Taxi flüchtet. Ich wünsche Crowley einen langen Atem und die Liebe, die er sich so wünscht. Filmmusik ohne Bilder im Kopf.

4,5/10

von spar

Von Spar – Street Life

Von Spar leihen sich den von mir sehr geschätzten Mantler als Sänger aus und schaffen so den Sprung aus der Kraut-Hölle hinein in souligen Pop, der nur noch an den Rändern etwas Störfunk rauschen lässt.

Mantler macht den spitzbübischen Grantler, den Frontmann ohne Backup. Er croont an Stellen, an denen nicht gecroont werden darf und das macht das Album hörenswert. Popzitate geben sich die Klinke in die Hand. Alles bleibt homogen, fast zu clean, dennoch gibt es diesen versteckten Groove, der einem durch die Glieder fährt.

Mal singt man mit, mal erfreut man sich an so viel Nonchalance, mal drückt einen der Schleim in die Kissen. Nachtschattengewächs. Schönes Teil.

7,5/10

vaselines

The Vaselines – V for Vaselines

Die Vaselines sind Power-Popper. Sie wollen die Lederjacke mit Bier einreiben, bleiben aber selbstverliebt in der Umkleide von H&M posend vorm Spiegel kleben.

Ramones-T-Shirts gibt es an jeder Ecke. Auch deren Akkorde. Die Vaselines spielen clever ihr Boy&Girl-Image zu Ende.

V for Vaselines ist druckvoller Romantik-Rock, der so langweilig ist, dass man sich Worte wie Shoegaze oder Ledermützen-Trutsche mit Kugelschreiberminen unter die Haut schießt.

Punk ist tot. Die Vaselines sind es auch.

1/10

0 Gedanken zu „Pünktchen ohne Anton – Kurzkritiken zu aktuellen Tonträgern“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.