Xiu Xiu Live Hamburg, Kampnagel 27.05.2014

Es sind nicht die Massen, die Jamie Stewart zu begeistern weiß, nein, es sind Auserwählte, die sich um den Bühnenrand scharen und fast benommen den stoischen Beats lauschen.
Xiu Xiu sind wieder zum Duo geschrumpft und haben das neue Album im Gepäck, das gänzlich auf Gitarren verzichtet.
Jamie drischt mit einem Drumstick auf ein Becken ein, das wohl nach der Tour getrost zum Sperrmüll gestellt werden kann. Sidekick Shanya Dunkelman klöppelt wie eine Wahnsinnige auf ihre Snares, Toms und die Hi-Hat. Synthies und die Konserve komplettieren den minimalistisch gehaltenen Instrumentenpark.
xiu xiu
Zuvor hatte Haley Fohr aka Circuit Des Yeux den Abend auf Kampnagel eröffnet. Ihr Folk, der mit einer 12-saitigen schön dick kam, hangelte sich von Trauermärschen zu einem fulminanten Feedback-Ende. Mit den Haaren im Gesicht wirkte Fohr wie die junge Cat Power, die Nico und Michaela Melian in den Stimmbändern trägt. Der finale Ausbruch stimmte das Hamburger Publikum schon einmal auf etwas Noise ein.
Jamie Stewart ist ein penibler Arbeiter. Jede Handbewegung, jede Einstellung sind perfekt durchdacht. Sogar seine Anfangszeremonie, die an Schere, Stein und Papier erinnert, vollzieht er schon seit Jahren. Komme, was wolle.
14 Songs dürfen Hamburg erreichen. Nur zwei Instant-Klassiker schaffen es als alternate, sowie gitarrenlose Versionen auf die Setlist. Mit Ten-Thousand-times-a-minute krabbelt ein fast unbekanntes Kleinod, wie ein Tagebucheintrag unter die Bettdecke. Und Ian Curtis Wishlist ist auch mehr Answering Machine als Liebesbrief. Nur vier Songs von Angel Guts: Red Classroom tauchen nicht auf, so haben Xiu Xiu genug Raum, um sich dem Gesamt-Sound hinzugeben und alles, wie aus einem Guss klingen zu lassen.
Wie Gewehrsalven scheppern die Beats daher. Jamie winselt, croont und tänzelt wie ein Pinguin. Er taucht tief in die Welt des Ekels, des Selbsthasses, der Geschlechtsteile und der Melancholie ein. Seine Fans headbangen, staunen oder betäuben sich mit Bier.
Auch minutenlanger Applaus bringt Stewart nicht aus dem Konzept, keine Zugaben zu spielen. Kampnagel hatte seinen verlorenen Sohn kurz zurück. Danke für Noise, Eleganz und Stringenz.
Auch mit dem neunten Studioalbum und der Liveumsetzung gehört Jamie Stewart zu den Größten der Szene. Eigentlich einer für die Massen.

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