Matana Roberts – Coin Coin Chapter II: Mississippi Moonchile

Der zweite Teil, der auf zwölf Veröffentlichungen angelegten Reihe, überzeugt erneut durch konsequente Erzählweise. Jazz ist nur ein kleiner Fixpunkt auf einer Skala, die bewusst offen gehalten wird. Komposition meets Improvisation. Zusammen- und Freispiel ernten, was uns die Musikgeschichte täglich hinterlässt.
Matana Roberts vertont eine Familiengeschichte; ist es sogar die Geschichte der schwarzen Sklavin Marie Theres Metoyer im Louisiana des 18. Jahrhunderts? Nein, der Spitzname der Protagonistin ist nur Querverweis und Aufhänger. Oder ist es doch der eigene Stammbaum, die eigene Familie, die Großmutter, die hier so effektvoll in Szene gesetzt wird? Familie ist überall und in jedem. Roberts spricht jeden an, nutzt den Moment des Erstaunens und quillt mit ihrem Altsaxofon dazwischen. Sie erzählt, stört, überbetont oder schwelgt. Mal klingt sie warm und weich, mal wütend oder spirituell; frei und trotzdem mit einem Fokus auf den Fluss, da sie Grenzen bewusst erkennt und auch einhält.

Matana Roberts

Das gesprochene Wort bekommt Platz, sowie die Stimme des Opernsängers Jeremiah Abiah. Coin Coin Chapter II: Mississippi Moonchile ist ein 49 Minuten langes Stück, das in 18 Momente unterteilt wurde. Mal wird kurz gelärmt, um im nächsten Augenblick auf einer Sklavenversteigerung zu verweilen. Wer hier Afterwork-Jazz erwartet, darf sich in den Mojo-Club verpissen.
Das Sextett spielt famos auf, denn es gibt keine Berührungsängste oder Kompromisse. Das Volkslied ersticht den Gospel, während der Operntenor aus einer anderen Welt zu stammen scheint. Manchmal wird es ruhig. Eine Brandrede Roberts’ zischt dazwischen. Was muss sich ändern? Alles? Die Schwüle Louisianas weht herüber, einen Trauermarsch später bröckelt die Wirklichkeit in freie Improvisation. Coin Coin Chapter II: Mississippi Moonchile ist ein wuchtiges Brett, das Geschichte beschreibt und schreiben wird. Mutiger als Matana Roberts sind wenige. Meisterwerk.

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