Tim Hecker – Virgins

Tim Hecker ruht sich nicht aus. Er könnte, wenn er wollte, einfach nach 12 Jahren seinem eigenen Trend folgen und enorm qualitative Blaupausen seiner Musik veröffentlichen, doch er möchte weitergehen.
War Ravedeath, 1972 zwar schon mit Live-Instrumenten gespickt, dennoch im Studio hinterher bearbeitet, hat sich Virgins dem Prozess der Performance verschrieben. Raus aus der Dunkelheit des digitalen Homeworkings, rein in die Live-Atmosphäre mit sich zuspielenden Musikern. Was kann passieren? Wird Hecker wie ein Dirigent den Finger gehoben haben? Zuckte er wie John Zorn euphorisch auf einem Stuhl herum? Ich glaube, dass Hecker sich in seine Gerätschaften vertieft hat und die Musiker machen ließ. Er wird ständig auf der Suche gewesen sein. Welcher Filter, welches Fieldrecording, welcher Hall. Aus, an. Immer wenn es am schönsten war, wird er den Zerstörungsknopf gedrückt haben. Hier wird ja nicht für die Kaffeetafel produziert.

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Natürlich lässt er den Musikern genügend Raum, um genau diesen für Verfremdungen und Annäherungen an Fremdkörper wie Metal, Wind, Holz oder dem Kratzen an der Tapete zu nutzen. Hecker steigert sich in diese Aufnahmen rein. Er lässt alles erst einmal geschehen, um sich einen Überblick zu verschaffen. Leise schieben sich Noise und Drones in die Dramatik. Nach langem Ausharren empört sich der Hörer über diese Stringenz, die fast körperlich erfahrbar wird. Ein dumpfes Ziehen lässt einen über seinen Blinddarm nachdenken. Feedbacks schleichen sich unweigerlich ins Ohr und bleiben für immer dort. Ein Szenario, das nie enden wird. Ein Schluckauf für ein Leben lang.
Wie in einer klassischen Performance verhält sich sein “Orchester” nicht, sondern es spiegelt sich eher ein Abtasten und Umspielen eines Genres wie des Horrorfilm-Scores wieder. Improvisation oder doch Komposition auf Spurensuche. Ein Piano duzt sich mit Steve Reich. Das Ensemble gibt sich bescheiden analog. Wir glauben noch an handgemachte Musik. Steigerungen entpuppen sich als Fake. Hecker ist ein Meister der Tortur, der nicht nur antäuscht, sondern es durchzieht, ohne mit der Wimper zu zucken. Hecker reinigt Wunden. Fahrstuhlmusik zum Schafott.

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