Bill Callahan – Dream River

Mit The Sing hat Bill Callahan, als Eröffnung eines der perfektesten Alben seiner zwanzigjährigen Karriere, den Song des Jahres komponiert. Ein wunderbarer Text, der den Wandel des Poeten Bill in den letzten Jahren filigran aufzeigt; der den Protagonisten darstellt, wie er mit dem Objektiv einer Kamera durch den Raum blickt und alles aufzählt. Der, der den Tag nicht mehr begreift. Wir sehen ihn mit unseren Augen. Die Fremden neben ihm an der Bar sehen wir auch. Er war auf Red Apple Falls auch mal der Fremde. Jetzt zählt er diese zu seiner Gesellschaft.
Kunstpausen lassen mich mit einer Gänsehaut zurück. Der Fußboden, der Stuhl, das Fenster, das nicht da ist. Alles bekommt seinen Platz. Ein Stillleben von Fassungslosigkeit, Depression und Altersmüdigkeit. Alles wird aufgenommen und verarbeitet. Es wird nicht viel gesprochen. Beer, Thank you. Bill reizt alles aus.
Bill versteckt Country in seiner Musik. Die Natur ist die viel gepriesene Mystik. Hinter ihr kann man sich verstecken. Sie kann einen auch verschlucken. Hinzu kommen Jahreszeiten, die eigentlich nicht im Kalender stehen, sondern nur in uns ruhen. Wir könnten der Frühling sein, leider aber auch der dunkle Winter. Amerika war gestern. Bill geht ins Leben. Der miesepetrige Prophet.

Bill Callahan

Eine Flanger-Gitarre darf anders grooven als jemals bei ihm zuvor. Sie begleitet Bills Stimme, die wieder jeden Schnörkel wagt. Ich sitze immer wie gespannt vor den Boxen und warte auf seine Umspielungen, Melodien und fast entrückten Ideen. Schön windschief lässt Bill den Namen des Albums aufheulen. Egal, was die Musik treibt, Bill bleibt der Stoiker, der sich einen Ton ins Gehirn gesetzt hat. Egal, ob der passt oder nicht. Die Gitarre erzeugt Spannung, ja sogar Dramatik. Sie macht Wind, Donner und den Chor gleichzeitig. Eine wunderbare Flöte wird neu ins Boot geholt, auf das ein Protagonist aus Bills Lyrik als Summer-Dayjobber die Namen pinseln muss. Stumpf, but someone’s gotta do it.
Bill schafft mit Dream River ein neues Opus Magnum. Alles greift ineinander über. Die scheinbar immer tiefer rutschende Stimme, die nur aus seiner Nase zu strömen scheint in die hippieseske Anmutung, die durch eine Fiedel und eine Flöte neues Ausgangsmaterial an die Hand bekommt. Neu hinzu kommen eine Handtrommel und ein Hölzchen. Diese perkussiven Instrumente begleiten alle Songs als Co-Piloten auf einem Testflug durch Hoffnung und Resignation. Man erahnt einen Hauch des Bossa Nova, der wohl Pate stand. Wie ein Schnipsen eines Taktlosen taucht die Rhythmusbegleitung auf und verschwindet wieder.
Das System Liebe bringt Ex-Smog weiter an seine Grenzen. Kontrollverlust oder Machtübernahme? Wenn Bill über Glück singt, klingt das nicht nach Trost. Man muss so vieles beachten, wenn man glücklich sein möchte. Vielleicht täuscht man sich auch oder spielt sich selbst was vor.
Bill ist ein Wanderer, der stets die Augen offen hält. Die innere Unruhe wird dann manchmal zur Lethargie, die einen so stark lähmt, dass einen alles und jeder verlässt, das oder der mal wichtig war. Neue Kernstücke wie Summer Painter bekommen dieses psychedelische Kraut in den Rachen. Bill wird immer musikalischer, obwohl er in zwanzig Jahren immer noch nicht mehr als zwei Akkorde oder Töne benötigt, um seine Geschichten zu untermalen. Manch Chorus bringt zwar eine Ablenkung, doch das Blues-Schema steht wie ein Fels in der Brandung.
Ich liebe diese Album. Ich liebe Bill. Besser wird es wohl nie mehr werden. Aber vielleicht habe ich die Rechnung ohne Bill gemacht. Nach Woke On A Whaleheart dachte ich schon an das Ende. Und nun das. Meisterwerk.

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