Julia Holter Live Hamburg, Kampnagel 09.08.2013

Julia Holter nutzt nun auch die Talente ihrer musikalischen Mitstreiter, um ihren Sound noch komplexer und gewiefter zu gestalten, um somit ihre Stellung in der Szene noch mehr zu festigen.
Früher saß sie oft alleine an den Tasten. Ihr Rücken wird nun von vier Männern gestärkt, die sich zurücknehmen, aber ihre Momente suchen und stets brillieren; so kann sie sich mehr in die Songs legen und sie intensiver abrufen.
Ihr Auftritt beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel in Hamburg ist geprägt von sphärischer Unbedarftheit, die sich mit kleinen Perlen dem AvantPop nähert und von ausufernder Spielfreude, die an Freejazz erinnert, ohne ganz dem Krawall zu verfallen oder die Struktur zu verlieren. Manchmal klingt das alles wie aus einem anderen Jahrhundert, machmal wie zukunftsweisende Neue Musik oder topaktuelle Popmusik. Die Lieder lassen Platz für Stimmungen und Schwankungen in Tempo und Kraft. Aber vor allem wird durch den Einsatz analoger Instrumente deutlich, dass es sich hier um handgemachte Musik handelt, die in vielen Genres zu Hause ist. Das Verhuschte, aus dem Ambient, das bekannte Träumerische ist einer gezielten, selbstbewussten Performance gewichen. Die neuen Songs machen auf Großstadt, haben diverse Spiegel hängen, egal ob im Club, in der Nacht oder im Gefühlschaos der Liebenden auf den Sofen des Spiegelzimmers auf dem Schloss. Dissonante Töne schwelgen an den Grenzen und kulminieren dann erstaunlich oft in wundersame Refrains, die kompositorisch erste Sahne sind, da macht Frau Holter zur Zeit niemand etwas vor.

Julia Holter

Leider ist sie noch nicht in Deutschland angekommen. Die kmh ist nur spärlich gefüllt. Die, die da sind, haben nicht mit so viel Spielfreude und Improvisation gerechnet. Vielleicht kannten sie nur eine Ballade über youtube oder nutzen das Festivalticket zum Schnuppern. Es leert sich deutlich. Wir Fans rücken somit immer näher an den Bühnenrand. Julia Holter verbindet ihre Alben miteinander. Sie webt die einzelnen Instrumente ineinander. Das Saxophon darf endlich mal im Pop nicht nur die Ballade begleiten. Die Geige kommt aus der Klassik und des Folk geflogen, um mit dem Cello das Orchester zu mimen, welches sich Streicher auf das Notenblatt geschrieben hat und wirklich eine Decke ist. Das Cello ersetzt zusätzlich den Bass, wenn Holter ihn nicht mit der linken Hand spielt. So wird der Klang der Ausnahmemusikerin Julia Holter immer breiter und interessanter. Ihre Stimme liegt zwischen Affektiertheit, Arroganz und verträumter Schulmädchenphantasie. Irgendwie unnahbar und doch wie eine große Schwester, die einem durchs Haar streicht. Holter bleibt die mutige Künstlerin, die den Hype um sie herum nutzt, aber nicht gefällig wird, sondern eher noch experimentierfreudiger, schlicht komplexer. Ich bin nach wie vor verliebt. Highlight 2013.

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