Jeremy Wade / Xiu Xiu / Monika Grzymala: Dark Material, Kampnagel Hamburg 08.08.2013

Jamie Stewart (Xiu Xiu) schaut nicht ins Publikum, während der tosende Applaus auf ihn niederprasselt. Sein Kopf ist gesenkt. Entweder genießt er still oder sein Unwohlsein ist heute stärker als sonst.
Stewart ist halt keine Grinsekatze, auch nicht bei der Premiere von Dark Material, seiner Kollaboration mit dem Choreographen Jeremy Wade und der Tape-Artistin Monika Grzymala. 80 Minuten groteske Verbindungen, Drehungen und unzählige Herzschläge liegen hinter ihnen. Der einzige Farbtupfer des Abends sind die Premieren-Blumen, die von Siebold, dem künstlerischen Leiter des Festivals, mit Küsschen überreicht werden.

Dark Material

Stewart wird musikalisch von der charmanten Shanya Dunkelman unterstützt. Sie betätigt das ruppige Schlagzeug, sie schlägt auch das Glöckchen, das vielleicht zarteste Instrument der Aufführung. Vierhändig spielen sie nach dem Motto: Kann denn Liebe Synthie sein? Zum Schluss erhebt sie sogar ihre Stimme; engelsgleich.
Stewart dagegen drückt stoisch heftige Drone-Gewitter, harte Basslines und noisige Feedbacks aus seiner analogen Gerätelandschaft. Oft geht der Beat nur in seinem Kopf ab. Die Musik kommt eigentlich nie zur Ruhe. Alles wird übereinander geschichtet. Das Xylophon scheppert gegen einen Tinnitus an. Manchmal gibt es einen Auf- oder Abgang der Tänzer, der einen für Sekunden durchatmen lässt. Doch auch hier hört man das Atmen der Protagonisten, die Anstrengung wird für den Zuschauer spürbar. Monika Grzymala nutzt diese Zeit der Ruhe, um neue Tapes zu kleben, die Windmaschine anzuwerfen oder schwarzen Tüll auszubreiten, um ihn wieder einzurollen. Zwischenzeitlich sitzt sie im Publikum und wirft Licht an die Wand oder auf die Tänzer. Sie kreist sie ein; bemalt sie. Das Bühnenbild ist dennoch schlicht gewählt.
Wade und Scaroni zeigen körperliche Arbeit auf der Fläche. Liebe als System, das nicht immer funktioniert. Je mehr man eingespielt ist, desto weiter entfernt man sich voneinander.
Wade darf mit Maria F. Scaroni zeigen, was Annäherung, Verachtung, Kampf, Krampf, Zurückweisung, Zärtlichkeit, Gewalt und Suche für das Leben bedeuten, in dem vieles auf Zweisamkeit ausgerichtet ist. Stewart hält mit Krach dagegen. Der Deckmantel der Farbe Schwarz liegt im Raum. Ihn muss man akzeptieren. Grzymala hat nicht übertrieben. Ihre Schwärzen haben immer auch noch genug weiß, egal ob im Boden oder an den Wänden. Die Dunkelheit, die zwischen Menschen bestehen kann, hellt vielleicht mit einer Berührung auf. Wade und Scaroni berühren sich auch selbst. Erst wenn man sich und seinen Körper als Leiter anerkennt, darf man von seinem Gegenüber Aufmerksamkeit erwarten. Manchmal gräbt man aber auch zusammen nach dem vermeintlichen Glück und ist am Ende anders als glücklich.
Liebe als Pas de Deux. Eine Zerreißprobe für Herz und Ohren. Das Verlangen ist stärker. Jamie Stewart steuert bahnbrechende Kompositionen bei, die zwischen Schönklang und Zerstörung changieren. Vor der Vorstellung wurden Ohrenstöpsel verteilt. Nicht alles Leid kann man dämpfen, vieles dringt an den Rändern vorbei oder durch Ritzen hindurch. Ich lehne dankend ab.
Zum Schluss wirft Grzymala weiße Stäbe auf den dunklen Grund. Vielleicht ein Hoffnungsschimmer; das Licht am Ende des Tunnels. Das Licht geht dennoch aus.

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