Pünktchen ohne Anton – Kurzkritiken zu aktuellen Tonträgern


Peace - In LovePeace – In Love
Der neue Geheimtipp aus Worcester ist wirklich faszinierend. Eigentlich ist nur zu bemängeln, dass das Debüt eindeutig zu lang geraten ist. Man hätte ein bisschen abspacken können, dann hätte das Album mehr Kraft und würde noch mehr im Ohr hängen bleiben. Peace spielen unbekümmert Musik ihrer Helden nach. Kula Shaker und die Charlatans. Sie holen den Britrock aus dem Feuer und geben dieser Musikrichtung ihre Jugendlichkeit zurück. Wunderbare Refrains sonnen sich in Englands Pubs. Die psychedelische Ausflüge sind amtlich. Kleine Hits schieben sich an griffige Albumtracks vorbei, so dass man, wenn man von der Tanzfläche kommt, auch noch musikalisch was zu entdecken hat. Drain ist toll, die Singles sowieso. Der Bass und die Gitarren haben eine Wucht, die einen kaum ruhig sitzen lassen. Peace sind auf dem Sprung. Die werden mal was. Ich bin Fan. 8/10
Bill Ryder Jones A Bad WindBlowsInMyHeartBill Ryder Jones – A Bad Wind Blows in My Heart
Der Ex-Coral-Gitarrist hat seine Stimme nun endgültig gefunden und zeigt mit diesem zweiten Soloauftritt, dass er das Balladen-Genre sehr gut beherrscht. Seine ruhigen Ausführungen sind zart orchestriert und mit Wohlklang ausgerüstet. Das Titelstück ist das Herzstück des Albums, hier lässt sich Bill viel Zeit. Eine Slide-Guitar fliegt übers Brett. Das Piano verdrängt die Gitarre aber zumeist. He Took You In His Arms ist die Heulsuse, die sogar an Elliott Smith erinnert. Bill Ryder Jones schafft den Sprung aus dem zweiten Glied in die erste Reihe. Seine Schüchternheit steckt an. Man atmet kaum und folgt Bill in jede noch so gefühlige Ecke. Manchmal trägt er etwas zu dick auf oder weiß nicht weiter, da ihm kein C-Teil mehr einfällt und dennoch sind seine Kleinode  mit Liebe zum Detail arrangiert. Schön. 6/10
Talib KweliTalib Kweli – Prisoner of Conscious
Ich finde Talib Kwelis Versuch weiter in den Club vorzudringen eigentlich ganz spannend. Obwohl sich Kweli immer noch mal vergewissern muss, ob er denn auch alle Skills besitzt, ja fast unsicher wirkt, ist sein Flow nach wie vor fantastisch. Sein Geschiele auf den Popmarkt ist nur verständlich. Dort wartet der Ruhm und das Geld. Talib hat das Handwerkszeug auch im Pop zu bestehen. Er braucht nicht den Pool, nicht die Bikini-Girls und kein Bling Bling. Seine political correctness, seine Revolutionsansprüche sind hier weich verpackt. Die Party bleibt im Vorgarten ohne brennende Tonnen. Für mich nicht die Offenbarung, aber es funzt und rollt. Und hey, Busta Rhymes taucht auf. Dann hat es sich ja fast schon gelohnt. Und Seu Jorge bringt noch die Welt näher zusammen. Dass Everybody’s Darling Kendrick Lamar ein Auge wirft oder Nelly seinen Namen buchstabiert, sind auch nur Bausteine, die im Gesamtbild untergehen. Insgesamt also eine Fingerübung, die wenn die Damen das Mikro übernehmen, aber auch arg kitschig wird. 5/10
Robyn HitchcockRobyn Hitchcock – Love From London
Hitchcock bleibt ein Soft Boy. Auch auf seinem neuen Album ist er der betrunkene Bruder John Lennons, der im Punk gewühlt hat und nun Geschichtenerzähler geworden ist. Ein Romantiker der alten Schule. Die zickigen Rocknummern verzeiht man ihm schnell, wenn er den Crooner, den Mann mit den Gefühlen gibt. Seine Songs schlagen Wellen, obwohl die nie so hoch sind, dass einem die Haare nass werden. Alles bleibt in der Spur. Hitchcock lässt sich nicht mehr verbiegen. Ihm bleibt sein Talent als Talisman im Hals. Für Fans eine tolle neue Scheibe, für Einsteiger seien die Soft Boys empfohlen und die ersten Soloausflüge sowie der Film Rachels Hochzeit. Insgesamt eine solide Angelegenheit. Für seine Stimme und seine leider teils langweiligen Rock-Songs gibt es 6/10.

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