David Bowie – The Next Day

Während der erste Durchlauf des neuen David Bowie-Albums läuft, schreibe ich diese Zeilen und fühle mich zum ersten Mal wie ein professioneller Schreiberling, der im Sony-Tower mit anderen Sträflingen sitzt und sich schnell was zurechtschustern muss, da man ja The Next Day nur einmal hören darf und die Springer-Presse auf den Artikel wartet. Kurze Notizen werden zu Schachtelsätzen.
The Next Day fängt laut an und Bowie schwadroniert über eine Melodie, die eher statisch bleibt. Bowie singt mit gestärkter Stimme seinen Kosmos durch, egal welche Kapriolen die Musik schlägt. Auch die Dirty Boys im Anschluss haben eine gewisse formale Strenge. Hier überzeugen die Bläser, die mich an David Byrne und St. Vincent denken lassen. Clever baut Bowie aber noch eine klare Strophen- und Refrainwendung ein. So erscheint es, dass Dirty Boys fast ein besserer Starter als das Titelstück gewesen wäre. The Stars Are Out Tonight konnte ja schon vor ein paar Tagen begutachtet werden. Man bemerkt sofort, dass das auch dem Stück gut getan hat. Es wirkt schon nach den ersten Takten wie ein alter Freund. Wirkte es auf den ersten Blick doch etwas ungelenk, hat es nun einen Drang zu grooven, der mich ansteckt. Auch hier macht also der spröde Refrain nach wiederholtem Hören den erhofften Catcher. Hier dreht die Musik mächtig auf, während Bowie fast ein wenig hinterher hinkt. Auch unterstützen die Bläser diesen Soundwall kräftig, der sich grummelnd in den Vordergrund schiebt. Alles klingt nach, alles hat eine eigene Melodie. Der stärkste Song bislang. Mal sehen, ob da noch mehr geht.

David Bowie

Love is Lost schlägt in eine ähnliche Kerbe, doch die Strophe hält sich lautmalerisch ein wenig mehr zurück. Sie bietet trotz knalliger Orgel noch genügend Raum für Bowies Stimme. Natürlich wirkt auch hier mehr die Produktion als der Song. Doch Bowie schafft endlich mal eine deutliche Choruseinlagerung, die den Himmel öffnet. Visconti hat schon wirklich den Masterplan. Sehr konzeptionell klingen die Instrumentenanordnungen. Schichtweise werden Teile zu einer Masse zusammengefügt. Eine Wand aus Gitarren thront majestätisch über den Orgeln und Stimmen, da wirkt die erste Single Where Are We Now? fast wie ein Tupfer und ist deshalb so außergewöhnlich. Natürlich ist das ein wenig Altherren-Romantik, dass hier Berlin in den Fokus gestellt wird, doch Bowie wirkt so zerbrechlich. Ein Crooner in einer Stadt, die gerne New York wäre, doch einen Bürgermeister hat, der nicht mal einen Flughafen zustande bringt. Bowie stört das nicht. Er schlendert in Gedanken durch ein neues Leben, ein neues Berlin, ganz ohne Iggy und Christiane F..
Valentine’s Day macht ein wenig den Glam-King. Sehr schön. Retro-Fans erkennen hier vielleicht zum ersten Mal ihren Starman, der die Welt rettet wieder. Für Bowie eine Fingerübung, für mich ein sleazy Hit, der Laune macht und eigentlich bei Bowie den Knoten löst. So ein Comeback kann auch Spaß machen. Während ich noch über die ersten Songs nachdenke, schiebt Bowie etwas Perkussion und Freak-Out-Rock nach. If You Can See Me macht auf Avant-Rock. Hier wird eine Steigerung als Notausstieg genutzt. Bowie folgt seinem eigenen Tempo. Der Bass macht die Musik. Auf den ersten Blick sehr überladen. In zwei Teile gegliedert, die aber nicht ineinander über greifen. Mmmh. Keine einfache Nummer, da werden die Schmuse-Popper was zu knabbern haben.
Doch Bowie wäre nicht Bowie, wenn er nicht wüsste, dass man dem Affen ein wenig Zucker geben muss. So klebt er mit I’d Rather Be High wieder seinen klassischen Glam nach, der zu jeder Uhrzeit funktioniert. Man hängt an seinen Lippen, man schminkt sich die Augen und wirft die zu enge Spandexhose über. So was kann nur Bowie, so was konnte auch nur noch Marc Bolan, sonst wohl niemand auf der Welt. Bowie liebt diese dunklen Zwischentöne, den Bass oder die Bläser, die die Sonne wegdrücken.
Boss Of Me schiebt sich auch zu den Wolken dieses Albums. Hier wirkt Bowie zeitlos und ganz bei sich. Die Bläser unterstützen seinen Gospel, der keine Dramatik auslässt. Ein toller Song, der mutig seine Vergangenheit mit Würde in die Jetzt-Zeit hievt. Hier kommt die Macht der bowieschen Stimme voll zur Geltung. Zwischendurch muss ich noch einmal kurz erwähnen, dass dieses Album wirklich sehr gut klingt. Bowie schafft es schon mit der Produktion, sein Comeback zu rechtfertigen. Dancing Out In Space holt den Rock’N’Roll ins Universum. Ein Boogie mit Störfaktoren, die sich trauen etwas Dissonantes einzuschmuggeln, was dem Song etwas Krachiges verleiht, das kratzt und sich gegen die plumpen
Akkordfolgen auflehnt.
Apache wirkt wie ein Interlude. Mit textlosem Refrain und 80er-Hookline. Wirklich gut. Bowie geht nicht die Luft aus. Vier Bowies unterstützen ihn bei der Atmung. Und am Ende macht Bowie das, was er wirklich sehr gut beherrscht; er bricht den Song auf. Er schiebt eine Bridge rein, die nicht von dieser Welt ist. Ganz toll. Mein heimlicher Liebling.
Bowie kann auch ein KISS-Riff so verändern, dass keiner mehr an Masken oder Zauberei denkt. (You Will) Set The World On Fire zündet erneut die Rakete mit viel Glam und Brimborium. Viele Instrumente machen Radau. Und wir begrüßen mit einem Streichholz in der Hand das erste Gitarren-Solo. Burn, Baby burn! You Feel So Lonely You Could Die schaukelt endlich für die Verliebten den Steh-Blues in die Herzen. Hier ist Bowie wieder ganz bei sich. Streicher bäumen sich auf, doch sie kommen nicht an die Backing-Vocals ran. Fantastisch. Bowie ist der Clown, der fast weinerlich von der Sonne erfasst wird und letztendlich einsam verglüht. Ein Schlager, der wohl den Klassiker-Stempel bekommt.
Den Abschluss macht Heat. Bowie trifft kurz Scott Walker. Ich weiß, ganz kurz. Nur eine flüchtige Begegnung. Heat ist eine Skizze. Eine Aufgabe für uns, sie zu Ende zu denken.
The Next Day ist ein sehr interessantes Album, das mächtig Sound im Gepäck hat, den es zu entwirren gilt. Vielleicht macht einiges beim zweiten Hören dann noch mehr aus und rechtfertigt diese Großspurigkeit. Ich bin beeindruckt. Bowie weiß, wie man fesselt, wie man fordert, wie man berührt, wie man verzaubert und wie man verkopft. Popmusik 2013.

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