Tocotronic – Wie wir leben wollen

Tocotronic kurbeln den Diskurs wieder an und sind erwachsener denn je. Ich gebe zu, dass ich die Tocos in den letzten Jahren eher belächelte als gut fand. Sie waren mir zu wichtigtuerisch. Ihre Musik blieb hinter den Kernaussagen ihrer Texte zurück. Das war Rumpel-Rock ohne Gespür für ausgeprägtes Songwriting. Die altbekannten Akkordfolgen wurden gerne wiederholt; sie wollten Schlaumeier sein und ihnen wurde der Arsch hinterhergetragen.

Tocotronic

Für mich also eine Kritikerband, die hinter all den Lorbeeren nur öden Abi-Rock vortrugen und das leider auch noch schlecht gespielt. Ihr neues Doppelalbum versucht sich an wärmeren Tönen. Alles verhuscht mit großer Passion. Lustvolle Chöre schlängeln sich an verhallten Gitarrengriffen vorbei, die so nirgends in den Büchern stehen. Es wird mehr musiziert; das Zusammenspiel bekommt Bedeutung, obwohl auch hier die Stimme immer noch wie dazugeklebt wirkt. Von Lotzow singt immer noch mit einer Theatralik, die ihn ständig denken lässt. Er versucht alles sehr genau zu platzieren, so klingt vieles gewollt und ohne Fluss. Wie ein schlechter Schauspieler, sagt er seinen Text auf. Doch Wie wir leben wollen funktioniert trotzdem ganz gut. Einige Sätze bleiben haften, sie schmiegen sich an Folkverkümmerungen, luftigen Daddel-Rock oder Prinzessinen-Pop. McPhail scheint immer bedeutender zu werden.
Der Körper, der Tod und das Leben spiegeln sich in organischen Popentwürfen. Vieles passiert nebenher. Ein Verzerrer lässt sich gehen, gerne stülpt er den Vampir-Phaser über oder ein Glockenspiel bimmelt sich gruselig ins Rampenlicht und neue Räume tun sich auf, in die sich Tocotronic gerne setzen und ausfüllen. Vielleicht ist das Doppelalbum zu lang geraten, doch es gibt einiges zu entdecken. Natürlich nervt manchmal diese kokette Lyrik und das man lieber einen verwegenen Reim wählt, da der, der auf der Straße liegt zu profan erscheint, doch insgesamt bin ich positiv überrascht. Wie Wir leben wollen ist ein erwachsenes Album, das sich langsam erhebt, um auf dem Boulevard die Wörter Hall und Morrissey auszuleben. Große Gesten. Der Spötter hat keine Waffen mehr. Doch da fällt mir was ein: Live möchte ich das nicht sehen und hören.

Tocotronic – Auf dem Pfad der Dämmerung (Official Video) from Rock-O-Tronic records on Vimeo.

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