Candelilla – Heart Mutter

Als 1989 Spanking Machine der Babes in Toyland erschien, war ich 16-Jahre alt und hin und weg. Jack Endino schuf mit den drei Damen ein raues Riot-Grrrl-Ungetüm, das sich nicht entscheiden konnte, ob es den Konventionen folgen sollte oder an der Struktur vorbei ein avantgardistisches Monster aus Punk und Rock(Grunge) sein wollte.
Auch der Pop und das modische Auftreten der Damen hatte ungemein viel Platz in der Inszenierung. Irgendwann vergaß man die Musik. Ähnlich liegt der Fall bei Candelilla aus München. Ihr unfertiger Rock changiert zwischen Parolen, Zitaten und Stühlen. Standard-Rock-Gitarren aus Proberäumen treten an, um von disharmonischen Klavier-Andachten eingeholt zu werden. Skandiert wird auch, auch wenn es nicht ins Konzept passt. Manche Strophe hätte auch ohne Worte ihre Maxime erreicht. Dazu stößt das immerzu stoische Schlagzeug. Der Bass macht hier die Melodie, aber auch er kann die anderen Instrumente nicht mehr einfangen. Sie wildern über Ideen und Sprenkeln.
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Ein Riff bleibt zwar ein Riff, doch Steve Albini macht aus der Simplizität ein Gruppengefühl. Er macht neue Räume auf, schafft den Damen Platz, sich zu vergewissern, dass auch jede krude Umspielung richtig eingefangen wird. Die von mir sehr verehrte Master-Ikone Kai Blankenberg setzt so nur noch ein Pünktchen auf das laute Vorhaben. Mal liegen die Stimmen unter der Musik, mal preschen sie aus der Mitte in den Vordergrund. Vielleicht sind die ruhigen Momente die berührendsten des Albums, doch sie werden schnell wieder mit Krach in den Himmel katapultiert. Noise ist ein großes Wort. Hier nur im Ansatz richtig. Kim Gordon singt auf jeden Fall schlechter, ist ihrer Sache aber auch schon viel sicherer.
Textfetzen bleiben auf englisch genauso im Vagen wie die auf deutsch intonierten Zeilen. Die Münchnerinnen bieten humorlos ihre Verweigerung von Plattitüden an. Dabei schrammen sie manchmal vielleicht sogar unbewusst ins Rampenlicht der doch so verurteilten Schönheit des Pop. Gut gemacht.

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