Wilco Live Hamburg, CCH-Congress Center Hamburg 23.10.2012

Nels Cline bekommt Szenenapplaus. Jeff Tweedy beschimpft einen Ordner des CCH. Glenn Kotche steht auf der Bassdrum. Mikael Jorgensen spielt den Synthie mit einem Kissen. Pat Sansone macht Rockerposen und wirkt dennoch genervt. Liegt es daran, dass alle nur Augen für Nels haben, obwohl Pat auch so wunderbar sein Instrument beherrscht? Damit ist der gestrige Konzertabend der Über-Band Wilco schon zusammengefasst. Nein, man muss noch mehr Worte finden für diese Sensation aus Chicago. Wilco kamen, sahen und siegten.
Das bestuhlte Konzert war dann nach zwei Stücken keines mehr. Einige Damen standen bereits während des Auftaktsongs. Der dylaneske Song One Sunday Morning glühte schon mal vor. Dann Art Of Almost. Krach, Rock und Beat. Die Damen hüpften ausgelassen in ihrer Sitzreihe. Ein Ordner wollte eingreifen, doch Tweedy belehrte ihn zunächst, um ihn dann sogar zu beschimpfen. Wenn ihr stehen wollt, dann steht. Das Publikum nutzte die Chance zur Revolution. Innerhalb von fünf Sekunden war der Moshpit besetzt und das sonst so zurückhaltende Hamburger Publikum ließ sich gehen. Aus Sitzkonzert wurde Rockkonzert. Tumulte und Bewegung kam ins Treiben. Mit Wilcos Musik kann man sich nicht im Sitzen berieseln lassen. Der Applauspegel erhöhte sich Song um Song.
Ein Zweistunden-Set erwartete die Fans. Das ist ein Brocken. Alles wurde gespielt. Erstes Album. Country, Rock, Krach, Ballade, Jesus Etc., drei Gitarren, Rasseln. Wahnsinn. Tweedy macht ja nicht viel. Die Roadies haben alle Hände voll zu tun. Manchmal werden innerhalb eines Songs drei Gitarren getauscht. Rickenbacker, Fender, Zwölf-Sechsaitige mit Doppelhals und so weiter. Cline am Chaos-Pad. Eine Materialschlacht, die aber nicht nervt. Cline fetzt dermaßen. Man kommt nur zur Ruhe, wenn er mal sitzt und die Steel-Guitar auf dem Schoß hat.
Tweedy war schnodderig wie immer. Mann, was muss der in seinem viel zu engen Jeanshemd schwitzen. Unter seinem Hut sah man nur Bart. Impossible Germany wurde gespielt. Ein Gitarrenfeuerwerk. Jeden Tag gibt es eine andere Setliste. Man kann sich als Fan nie sicher sein, ob die eigenen Lieblinge heute dargeboten werden und nicht erst morgen in Köln oder Kopenhagen. Doch auch einige Ausreißer schummeln sich in die Playlist. Diese Band ist so eingespielt, wie keine zweite. Der Sound ist brilliant. Sowohl in den rockigen Impro-Krachparts als auch in den akustischen Prärie-Momenten. Alle sind glücklich. Bis auf die Ordner und die Menschen, die gerne gesessen hätten. Hammer.

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