Thomas Köner – Novaya Zemlya

Ein Krümel in einem Hügel, den man so gut wie gar nicht wahrnimmt, weil er ja so flach ist. Es will gelernt sein, da, wo fast nichts ist, noch etwas wegzunehmen, ohne das filigrane Gleichgewicht implodieren zu lassen in eine Ansammlung von Nichts mit weniger Aussagekraft.
Tiefgestimmte Samples wehen wie einsame Tumbleweeds durch die leere Landschaft. Sie rollen über die Eisfläche. Diese dient als Kontaktobjekt. Land und das Meer darunter werden zum größtmöglichen Resonanzkörper. Riesige Hallfahnen docken sich an die Samples an und verbinden diese in ihrer Langsamkeit zu Flächen über den Eisflächen; Schicht um Schicht. Doch bevor sich höhere Drücke absetzen könnten, ebben die entfernten Gebilde wieder ab. Sie verwehen ins Nichts, ohne dass man ihrer habhaft geworden wäre. Am Ende pumpen sich die Hallräume zu einer solchen Größe auf, dass deren Hüllkurven durch die Horizontlinie harsch abgeschnitten werden. Und dann immer geradeaus? Das fragt dann ohnehin keiner mehr.
Thomas Köner schafft mit „Novaya Zemlya“ eine tieffrequente Klanglandschaft karger Ambiencen. Das russische Archipel im arktischen Norden wird zum Symbol äußerster Kulturferne, zum Träger von Ineffizienz und Bedeutungslosigkeit. Noch nicht einmal Entdecker und andere selbsternannte Pioniere haben heutzutage etwas auf jener Inselgruppe verloren. Nur die Bodenschatzjäger greifen weiter an, und wirken anachronistischer denn je.
Der Nordpol ist kein Ziel mehr und die Grundstimmung ist durch und durch kalt und artifiziell. Erst recht die Samples geben sich keine Mühe nach Handarbeit zu klingen. Sie wirken polterig, schnarrend und roh. Es entsteht eine durch und durch unheimliche, ja unmenschliche Szenerie, deren technische Rohheit in gewisser Weise auch einen dokumentarischen Charakter heraufbeschwört. Ein Album, das mehr durch sein Konzept und seine Symbolträchtigkeit überzeugt als über unmittelbare Musikalität.
“Novaya Zemlya” ist im Juni 2012 bei Touch erschienen.

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