Gravenhurst – The Ghost in Daylight

Das zarte Moment hat Konjunktur. Insbesondere dann, wenn sich eine Cremigkeit ohne Feinstruktur nur wenige Finger breit neben der Mainstream-Autobahn eingerichtet hat. Oftmals eine von Erfolg gekrönte Sackgasse, in der sich schon viel zu viel im Begriffs-Kleister Independent verklebt hat, bevor es um so heftiger in den Charts einschlug. Doch es gibt Auswege.
Nick Talbot weiß einen einfachen Weg heraus aus der muffigen Dunkelheit der Anbiederung. Mit dem sechsten Album lehren uns Gravenhurst einen schwierigeren Pfad, denjenigen von mit Pathos erfüllter Melancholie ohne Revolutionsanspruch. Die Wandstärke von Talbots Membranen geht konsequent gegen Null. Die Arrangements scheinen aus Papier erbaut zu sein und die eingesetzten Synthesizer verhalten sich staatstragend zurückhaltend. Pusteblumen werden zu Bollwerken in Ewigkeit.
So bekommt einsame Einkehr gesellschaftliche Relevanz und unsere Traurigkeit ein neues Lebensziel. Die Metamorphose zersetzender Gefühle scheint nun wieder realistisch und unkitschig zu sein. Und positive Energie ist allemal machbar. Geister verwandeln sich im Tageslicht schließlich unspektakulär aber tiefgründig in eine neue Hoffnung, die in langen Instrumentalparts ausrollt, so als solle dadurch der talbotsche Mikrokosmos von Songs, die auch schon mal E und F-Parts haben können, zusätzlich bestätigt werden.
Dieses ausdrucksstarke Folkalbum hätte gut und gerne schon Anfang der 70er erscheinen können. Und dann noch mal Anfang der 90er. Um so besser, dass es erst 2012 rauskam und jetzt noch so frisch riecht, einen Keks-Sommer lang.
„The Ghost in Daylight“ ist Ende April 2012 bei Warp erschienen.

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