Vagina Dentata Organ / The New Blockaders – Berlin, NK-Berlin 31.03.2012

Die Erwartung an Dauer und Intensität künstlerischer Darbietung hat sich seit Händel radikal gewandelt. Allein die ersten Jahre des 21. Jahrhunderts zeigen, dass die Reduktion auf 15 Minuten singulärer öffentlicher Fokussierung noch unterschritten werden kann. Was die Dauer einer pop-musikalischen Performance angeht, so sind Maßstäbe, spätestens seitdem die Essenz des Rock’n’ Roll erfolgreich auf eine Sekunde Akkord eingedampft worden ist, obsolet. Gerade deshalb entstehen immer wieder neue Erwartungshaltungen.

Am 31. März 2012 lud das für klangkünstlerische Veranstaltungen geschätzte Projekt NK-Berlin den spanischen Künstler Jordi Valls mit seiner Band Vagina Dentata Organ sowie die britische Noise-Formation The New Blockaders zu einem Abend der Industrial-Performance nach Neukölln und irgendwie war alles wie damals in den frühen 80er Jahren, als Riegen ambitionierter Musiker auszogen, um die ausgetretenen Pfade des Pop zu verlassen, sich intensiv an Alltagsgegenständen und Baumaterialien abzuarbeiten und neue Wege auszuloten.
Vagina Dentata Organ

Das auf 120 Gäste limitierte Publikum fand sich in einer angenehm kleinen Hinterhof-Fabriketage ein. Die Voraussetzungen für einen ebenso intimen wie intensiven Abend waren gegeben. Die Stimmung des geneigten Publikums, das sich offensichtlich ausschließlich aus Kennern des Industrial- und Noise-Betriebs zusammensetzte, war introvertiert und gespannt. Doch nicht jedes Detail der sorgsam vorbereiteten Inszenierung fütterte diese Spannung. Ein Reihe an der Rückwand des Bühnenraums aufgebauter Spiegel enttarnte sich schon im Vorfeld selbst als Performance-Opfer des berüchtigten Jordi-Valls-Hammers. Dennoch wusste Vagina Dentata Organ mit einer ca. 12-minütigen Kurzperformance zu überraschen. Sein Kernthema Blut im Sinn zerschlug der Genesis-P-Orridge-Freund Valls die bereitgestellten Spiegel ohne zu zögern und voller Hingabe, während ein Trommler-Ensemble aus dem Rückraum auftretend mit wuchtigem Rhythmus effektvoll die Bühne eroberte. Kaum wurde dieses Szenario mit der vierfachen Einspielung von frenetischen Applausgewittern unterfüttert, da war die Performance auch schon zu Ende. Jordi Valls lächelte freundlich, grüßte und ging.
The New Blockaders
Foto: Bis aufs Messer Blog
Im Vergleich dazu holten The New Blockaders mit Sturmmasken und einer detailverliebten Requisitensammlung etwas weiter aus. Sie gaben sich für eine intensive halbe Stunde der typischen Schwerarbeit des Industrial hin. Es gelang dem Trio Noise intensiv aber dennoch differenziert zu schichten. Da durfte das geworfene Ölfass ebenso wenig fehlen wie die Fuchsschwanzsäge, die das zitternde Blechprofil traktiert. Am Ende dankte das begeisterte Publikum für einen äußerst seltenen Performance-Abend alter Heroen, denen man nicht vorwerfen sollte, aus heutiger Sicht nicht mehr innovativ gewesen zu sein. Um so weniger, als es von Jordi Falls nach den Performances noch einen freundlichen Nachschlag in Form einer spontanen Eigenblut-Wandmalerei an der Bar gab.
The New Blockaders

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