Michael Kiwanuka – Home Again

Kiwanuka schwelgt in Erinnerungen an einen längst vergessenen Sommer im Melting Pot London. Sein Neo-Soul hat große Gefühle, die eine schwitzige, aber nie erotische Hitze herbeibeschwören. Doch auch blaue, romantische Momente dürfen an seiner Tafel Platz nehmen. Das große Nick Drake-Vermächtnis macht sich breit, ohne dabei an eine Autowerbung denken zu müssen.
Er mischst seine Retroausführungen gerne mit allerhand Bläsern, die mal wie kleine Vögelchen zirpen oder mit vollster Kraft voraus blasen. Wunderbar auch die wenigen Chöre. Alles schmiegt sich in einen Großstadtmantel, der gerne offen getragen oder locker um die Hüften gebunden wird. Luftige Momente, die sich an Marvin Gaye herantrauen bieten genauso viel Substanz, wie traurige Otis Redding-Balladen, die aber jugendlich frech daherkommen, wie es auch mal Moneybrother vor Zeiten vollbrachte, doch ohne diesen wibbeligen Rumpelstilzchen-Wahn und Mod-Rock-Charme.

Kiwanuka macht alles richtig. Seine Stimme sitzt. Gerade die Folkphasen des Albums haben es mir angetan. Hier zeigt Kiwanuka, dass er verstanden hat, wie ein Song aufgebaut werden muss, welche Rhythmik er braucht, oder welchen Hall man so räumlich einsetzt. Er schichtet seine Geschichten in runde Arrangements, die nie nur Abziehbild sind, sondern sein eigenes Werk unterstützen. Weiche Streicher träumen von Baggerlöchern und Bläser von U-Bahnhöfen. Dies könnte der Soundtrack deines Sommers werden, wenn der mal nicht rechtzeitig kommt. Für die ganz heißen Tage ist Kiwanukas Album vielleicht zu unsexy. Hier ist alles noch auf Teenagergefühl getrimmt. Leicht romantisch und zaghaft. Nie wird es mal wild. Es bleibt bei Blicken, Verabredungen und abgesagten Kinovorstellungen.
Kiwanuka ist wohl der beste Retro-Souler der Stunde. Er lässt einen mitpfeifen. Auch der angedeutete Blues in einigen Stücken ist mehr Vorfreude als Vergangenheitsbewältigung. “Home Again” ist gut durchdacht. Eine unglaublich stimmige Angelegenheit, die noch etwas zu zaghaft versucht eigenständig zu sein. Vielleicht die Platte für deine Instagram-Freunde, die es nicht lassen können alte Eiswagen oder Bauwagen zu fotografieren.

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