Julia Holter – Ekstasis

Julia Holter hat sich aus der Ambient-Blase gelöffelt. Zwar steckt ihr Körper noch fest, doch das Köpfchen guckt schon raus. War Tragedy doch noch sehr vernebelt und ruhig, ist Ekstasis ein verhuschter Blick in die Welt des avantgardistischen Pops. Zwar auch ruhig, doch mit einem ernsten Blick in Richtung Beat und “Orchestralität”.
Holter arbeitet nun viel mehr mit ihrer Stimme. Sie setzt sie in verschiedensten Arrangements ein, so wie eigentlich nur Laurie Anderson oder Björk arbeiten. Die Stimmen drehen sich um elektronische Beats, die mit Reverb, Delay, Klangmodulationen und “Noise” übertönt werden. Noise steht in Anführungszeichen, da man es eigentlich nicht Noise nennen dürfte. Klang ist aber wohl auch falsch gewählt. Ich bleibe bei Noise. Ornette Coleman würde mich verstehen und das Ende voll aufdrehen.
Streicher und angedeutete Bläser spielen große Luftschlösser und Julia macht den Kanon. Wie eine Loreley sitzt sie auf dem Felsen und wirft kleine Steinchen ins Wasser. Das ist Barock-Pop der neuen Welt. Manchmal sogar Worldmusic mit den Mitteln der Improvisation.

Klassische Musik bietet sich dem Horror-Genre an. Das gab es zwar alles schon, doch Julia entwickelt das wirklich zur Perfektion weiter, ohne groß in die Gruselkiste greifen zu müssen. Lange Hallfahnen schlurfen durch Julias Gehörgänge. Kurze Fieldrecordingeinspielungen verlagern das ganze nach Draußen. Wie auf einem Wochenmarkt, preist Julia ihre königlichen Waren an. Vieles aus Strick oder als Notenwerte.
Der Wind bläst kristallklare Luft in Julias Venen, die immer leicht bläulich schimmern und im tiefen Bereich liebäugelt sie sogar mit Nico auf dem Fahhrad. Über drei Jahre hat Julia an Ekstasis gearbeitet. Man hört jeden Tag. Der Schwebezustand macht das Album zu einer Phantasiereise, die sich mit der Avantgarde beschäftigt, diese aber nie überstrapaziert. Manchmal fällt einem sogar eine Zola Jesus ein, obwohl hier dieser angesagte “Gothic Chic” anders angewendet wird. Zola Jesus arbeitet mehr mit Wucht. Holter spiegelt lieber ihr Ich mit Pferdehaar aufgezogenen Harfen. Ist das ein Cello? Ein Spinett? Holter holt den 80er-Moroder Synthie-Sound aus der Aerobic- oder “Eddie Murphy”-Faltermeyer-Ecke und steckt ihn in Feenwälder und Beethoven-Museumsartefakte. Dann schreibt sie aber am Ende noch Funk mit echtem Schlagzeug auf das Klingelschild. Damit ist sie am Puls der Zeit. Bezaubernde Melodien scheinen aus einem, mit Keyboards zugestellten Grammophon zu schallen. Dream Pop at its best. Jazz für Grenzgänger! Highlight 2012!

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