Lambchop – Mr. M

Kurt Wagner ist schon ne Marke. Auch auf dem neuen Lambchop-Album croont er wieder, wie es wohl kein Zweiter tut. Das Gerüst ist seit Jahren ähnlich geknüpft, doch 2012 klingt alles noch erhabener, verspielter und trauriger, wie seit “Thriller”, “Nixon” oder “Is a Woman” nicht mehr.
Jedes Instrument bekommt unglaublich viel Platz. Egal, ob es die Streicher sind, die himmelhochjauchzend das Grau des Alltages wegfiedeln oder eine Gitarre, die zuerst nur als Begleitung in Erscheinung tritt, um dann irgendwann im Lied, die Kontrolle zu übernehmen. Auch der Bass, der manchmal nur Grundtöne anschlägt, verziert im nächsten Moment mit hüpfenden Notes ein schlingerndes Schlagzeug, das immer mal was probiert. “Gone Tomorrow” franst hinten schön aus. “2B2” lässt Kurt gleich doppelt erscheinen und der Refrain wird wunderbar akzentuiert vorgetragen. Die Snare setzt aus und die Bassdrum übernimmt den Groove. Andere Bands würden diesen Moment auskosten und schüren. Lambchop fahren im Chorus runter. Bei den starken Strophen ein super Stilmittel.

Wagner schwebt mit seiner weichen, ja fast schon gedrückten, geknödelten Stimme über allem. Nicht alle Worte kommen freiwillig heraus, so scheint es auf den ersten Blick. Er zwingt sich das zu singen. “Nice Without Mercy” zieht mir die Schuhe aus. Wahnsinn! Schattiger klang Wagner wohl nie. In “If Not I’ll Just Die” erhebt sich Wagner auf einmal und man erschrickt fast, dass Kurt so inbrünstig in Flammen steht und sich fast überschlägt.
“Mr. Met” steckt im großen Brimborium, um im nächsten Akt, ein Countryheuler zu werden mit Broadway-Chic und Federboa. Wagner mimt den Baum, der mitten im Song steht und für seinen verstorbenen Freund Vic Chesnutt die Arme ausbreitet. Er lässt seine Blätter fallen und wir sammeln sie schnell und gierig auf. Blutende Herzen klingen bei Lambchop trotz aller Theatralik nicht schwülstig. “Mr. Met” macht dann im Mittelteil auf einmal für zwanzig Sekunden Tempo, mit reibenden Snarewirbeln und zitiert irgendwie auch Queen. Kann mich aber auch täuschen, doch ich fühle und höre da Radio GaGa. Bei “Gar” singt Wagner noch nicht einmal. Man stellt sich dann vor, wie er auf einem Barhocker sitzt und sich die Brillengläser putzt. Vielleicht klatscht er am Ende seinen Kollegen Beifall. Tolles Lied, ein Burt Bacharach auf Martini.
Manchmal sind es eine Note, ein Ton, die Lambchop zu einer der besten Bands der Welt machen. Sie springen einen aus der Komposition an und lassen einen nicht mehr schlafen. Manchmal ist es aber auch ein wehmütiger Chor oder eine Pianofigur. Manchmal ist ein Lied so groß und steil, wie eine Showtreppe, manchmal so unglaublich klein, wie für ein Küchenkonzert mit Frühstücksbrettchen konzipiert. Beste Lambchop seit Jahren und die letzten waren ja auch nicht übel. Ein Highlight 2012!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.