Die Sterne Live – Hamburg, Übel & Gefährlich 02.02.2012

Ein Typ, der wie Wim Wenders aussieht, fährt mit mir im Fahrstuhl hoch. Er hat seine Freundin im Trubel der HAM.LIT verloren. Ich kann ihm nicht helfen, will auch gar nicht zu hören oder reden und genieße bei der kurzen Fahrt den Sound aus der Boombox des Liftboys. Liftboys hören jetzt Cro. Guter Start.
Oben wird noch gelesen. Stühle sind aufgebaut. Ich bin extra spät angereist, denn Lesungen sind nicht so meine Welt. Die zehn Minuten mit einem Großstadtmärchen einer Nachwuchsschriftstellerin rauben mir den letzten Nerv. Die Bar ist zum Glück schon geöffnet und der Raucherraum stinkt wie eh und je. Zwei Lungenbrötchen und Biere später, kurz nach 23 Uhr, betreten die Sterne die Bühne. Vorher wurde noch alles sauber gefegt und die Bestuhlung entfernt. Mein Gott was Literaturbegeisterte für einen Dreck machen können; überall liegt Papier. Es soll angeblich getanzt werden. Ich glaube, ich bin der einzige, der seine Jacke noch an hat.
Die Sterne tun das, was sie seit 20 Jahren können. Sie spielen, als wären sie im Proberaum. Frank Spilker vernuschelt die Ansagen, sein Timing im Gesang und an der Gitarre ist immer noch nicht von dieser Welt. Unglaublich ungelenk! Er will ja, doch irgendeine Macht scheint ihn zu beherrschen. Die ersten Songs flutschen in alter Manier. Universal Tellerwäscher kommt früh, hängt aber auch ein wenig durch. Für die Bücherwürmer beginnt nun langsam die Zeit, in der die letzten Bahnen die Feldstraße verlassen und so lichtet sich der Zuschauerraum allmählich. Mit einem Hörbuch geht es durch die Nacht. Die Sterne grooven derweil, trotz aller Soundprobleme, Unstimmigkeiten und Fehlerquellen auf der Bühne. Das macht die Jungs halt so sympathisch. Hier geht es nicht ums Abliefern, ums Mucken, sondern um ein besonderes Gefühl, eine Stimmung. Die Anfänger, die man mit der neuen EP gewinnen wollte, waren nicht da und wenn doch, dann sind sie jetzt schon weg, obwohl die Jungs 24/7 lang auf haben. Die Fans rücken nun langsam näher und bestellen nach.
Die Disko/Dance-Songs des letzten Albums machen auf einmal Sinn. Ich mochte diese Platte eigentlich nie, doch heute sind es die besten Stücke. Spilker nimmt sich eine Auszeit an der Gitarre und das tut ihm gut. Nach dem Diskoblock ist er kurz neben der Spur und verkackt Inseln, doch das scheint der Wendepunkt des Abends zu sein. Danach wird alles auf einmal klarer und lustvoller. Bei Was hat dich bloß so ruiniert?, dem Song, den ich nicht mehr hören kann, habe ich auf einmal Gänsehaut. Das ist doch mal was.

Im Zugabenteil dürfen dann die Hamburger Deern ihre Schals und Zigaretten zeigen. Jungs in doofen T-Shirts krallen sich das Mikro und singen noch schlechter als Spilker. Man steht doof im Weg rum oder tanzt total verrückt. Abiball 2012 ohne Jonas. Funny.
Die Sterne haben uns Gefühle geschenkt. 20 Jahre lang. Sie haben uns Texte mit Inhalt eingetrichtert und Parties in zu kleinen Wohnungen erträglich gemacht. Auch heute Abend, obwohl der Ort und Anlass vielleicht falsch gewählt war.
Auf einmal steht der Typ, der aussieht wie Wim Wenders, neben mir und knutscht wie ein Irrer seine als verschollen gegoltene Freundin. Seine Hände und Zunge sind überall. Da hilft nichts auf der Welt, wenn dir St. Pauli auf den Geist fällt.

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