The Sandwitches und Carletta Sue Kay Live – Hamburg, Molotow 18.11.2011

Carletta Sue Kay betritt die kleine Bühne des Molotow in Hamburg. Obwohl es draußen langsam winterlich wird, trägt Carletta Sue heute keine Schuhe. Nur ein Strumpfhöschen wärmt ihre zu großen Füße. Gitarrist Doug Hilsinger fängt an zu spielen. Die acht Zuschauer sind augenblicklich ruhig. Wer ist diese große Frau mit der Perücke und der hohen, rauen Soulstimme, die den Raum zum Brennen bringt? Aus San Francisco kommt sie, das wissen vielleicht einige oder reimen es sich zusammen, da die Hauptband die Sandwitches aus San Francisco stammen, aber mehr wissen auch sie nicht.

Carletta Sue Kay mischt Tradition mit Pathos, Theatralik und Musical. Ihr Gewand ist schwarz, wie eine alternde Diva steht sie da mit einer Sinalco-Cola in der Hand. Und sie weiß ihre Stimme zu nutzen. Gänsehaut. Die Songs werden mit Hingabe und Wucht vorgetragen. Doug Hilsinger spielt wunderbar gelassen die doch teilweise jazzigen Akkordfolgen. Manchmal wird er ein wenig schnell und laut, dann flüstert Carletta ihm Anweisungen zu. Die Zuschauer sind aus dem Häuschen. Carletta Sues Stimme holt sogar die Touri-Muttis auf der Reeperbahn an die Scheibe des Molotow. Männer mit Perücken sind sogar auf dem Kiez ein Hingucker. Frau Kay spielt ihre, wenn nur durch Blogs bekannten Hits, auch den endlosen 7-Minüter “For The Birds”; lässt leider meinen persönlichen Favoriten “Joy Division” weg, überzeugt aber als Zugabe mit einer famosen Darbietung des Songs “If I Were Your Woman” von Gladys Knight & The Pips. Das Publikum lässt Carletta Sue fast nicht von der Bühne. Fantastischer Auftritt. Ich bin verliebt. Stephin Merritt und Cole Porter wären es auch.
Einige Zuschauer mehr finden nun den Weg ins Molotow. Aber mehr als 25 werden es wohl nicht werden. Nach einer kurzen Pause betreten The Sandwitches die Bühne. Ich bin überrascht, da sich nun Kays Gitarrist Doug Hilsinger an die Drums setzt. Wo ist die Drummerin Roxanne Brodeur? Diese Frage kann ich leider nicht beantworten, aber das tut auch nichts zur Sache. The Sandwitches beginnen zaghaft. Heidi Alexander und Grace Cooper spielen beide Gitarre, doch keine spielt sich zur Lead auf. Beide zupfen und streicheln obskure, offene Akkorde und wilde Bassfiguren. Doug Hilsinger hält die an Tönen ausufernden, aber kurzen Songs gut zusammen. Wie im Dream Pop verschmelzen die Stimmen der Damen. Etwas spooky wird es zwischendurch, wenn die Girls mit Kopfstimme arbeiten oder gar jaulen. Folkige Lautmalereien treffen Sixties-Garage mit Lagerfeuerromantik. Auch die Sandwitches spielen ihre Hits, diese zwar mit etwas mehr Lustlosigkeit als Carletta Sue, aber das macht die Sandwitches ja gerade interessant. Ihre Songs wirken so zufällig und nebulös, das man gar nicht glaubt, dass sie überhaupt proben, sondern nur ihre Verstärker anschalten, loslegen und sich finden.

Toll wird es, wenn Cooper und Alexander Gitarrenläufe gegeneinander spielen und mit Absicht zwei Töne in den Keller setzen. Faszinierend, wie man am Pophimmel vorbeischreiten darf, aber trotzdem wie Engel die Hände über unseren Köpfen ausbreiten. Lange keine Band mehr gesehen, die sich so gegen klare Hookline-Enden wehrt. The Sandwitches sind eine Band, die mittig spielt und es so nie zu einer stimmigen Auflösung der Melodieführung kommt. Bezaubernd. Gegen Ende kommt ein wenig mehr Drive in den Weird-Garagen-Folk mit abruptem Ende.
Der Reverb auf den beiden Stimmen hallt noch auf der U-Bahn-Rückfahrt in meinen Ohren und kurz vor meiner Haustür denke ich zum ersten Mal in meinem Leben länger als drei Minuten an Amy Winehouse.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.