John Cage – Etudes Australes

Die Klänge des Klaviers wirken verloren, nicht nur im Hinblick auf kosmische Dimensionen. Doch sie sind da. Einzelne Töne und kleinere Zusammenballungen. Unbestreitbar. Manchmal blinken sie schwach. Dann wieder wehen sie wie ein Hauch oder eine Spiegelung konturlos in unsere Richtung. Ein Reflex blitzt kurz auf und blendet uns mit einem Kitzeln. Töne versuchen unverstandene Distanzen zu überwinden. Sie wirken unbeirrt aber hilflos. Die Pianistin hat es aber auch nicht leicht.
Was ist das Übergeordnete? Was ist der Klang der Welt? Wenn wir nicht in der Lage sind, darauf eine Antwort zu finden, dann dehnen sich vielleicht die Töne und auch die Pausen zwischen den Klangereignissen in unserer Wahrnehmung. Es herrscht Unsicherheit in unserer Wahrnehmung und in klapprigen Klangfarben. Und wie so oft, tappen wir in bereitstehende Gewohnheitsfallen. Wir kippen beim Zuhören nach hinten durch alle Raster, die wir zuvor wie automatisch über die Töne legen wollten; gerade so wie einen glänzenden Konsensteppich. Doch das gelingt uns nicht. Glücklicherweise. Wir atmen durch. Schließlich stehen wir wieder auf unseren Füßen. Mit neuer Sicherheit entdecken wir das Bodenlose im Eigentlichen. Nun sind wir bereit uns mit Geduld und jungem Zeitgefühl auf den breiten Schultern differenziertesten Klanggebungen hinzugeben. Schließlich – wir lächeln. Denn wir sind angekommen, in einem weiteren Konzept der Zerstörung jeglicher Hörerwartung, in einer monumentalen Manifestation der unübersichtlicher Gleichförmigkeit.
Als sich John Cage im Jahr 1974 wieder traditioneller Instrumentation und Notation zuwendete, war das nach all den vorangegangenen Konventionszerstörungen durchaus eine Überraschung. Die Entstehung der „Etudes Australes“ stellt somit den Beginn einer Sammlung äußerst virtuoser Etüden für Piano dar. Dabei ergeben die bewusst sperrig, ja von widerspenstiger Unspielbarkeit strotzenden Stücke für Cage eine Allegorie auf herrschende gesellschaftliche Zustände. Sie demonstrieren, so der Komponist, die „Praktikabilität der Anarchie“.
Die Strukturen des Kosmos finden Eingang in eine in vier Bücher gegliederte Sammlung von je 8 Etüden, indem Sternenpositionen der südlichen Hemisphäre mittels I-Ging-Kompass in Tonfolgen bekannter Notationssysteme übertragen werden. Weitgehend bekannt. Denn um Spielbarkeitserschwernisse nicht zu kurz kommen zu lassen, werden die Notenfolgen für rechte und linke Hand in zwei Systemen jeweils in Violinen- und Bassschlüssel über die gesamte Klaviatur gesetzt. Dabei kommen sich rechte und linke Hand ständig zwangsläufig in die Quere.
Die Pianistin Sabine Liebner versucht nun mit ihrer Neueinspielung der „Etudes Australes“ einen anderen, vielleicht sogar mutigeren Weg zu einzuschlagen, als die Widmungsträgerin des Werkes Grete Sultan ihn ging. Mit einem anderen Zeitmaß arbeitend, sind bei ihr auch andere dynamische Höhepunkte von Bedeutung. Die klanglichen Qualitäten entwickeln im Hinblick auf den überraschend großen Raum pathetische Wirkung. Insgesamt eine aufregende Einspielung voller Wagnisse eines wichtigen Klavierwerks des 20. Jhd, das die Ideen der Absichtslosigkeit und des kompositorischen Zufalls etablierte.
Sabine Liebners Interpretation der „Etude Australes“ erscheint als 4-CD-Box am 01. November 2011 bei Wergo.

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