Chris Watson – El Tren Fantasma

Die Strecke führt vom Pazifik durch das mittelamerikanische Kernland bis nach Veracruz am Golf von Mexico und durchquert dabei auch die Hauptstadt Mexico City in großer transkontinentaler Diagonale. Mehr als 10 Jahre ist es nun schon her, dass auf dieser Strecke der letzte Zug Passagiere beförderte. Chris Watson zaubert nun aus den Tiefen seiner Fieldrecording-Archive eine Dokumentation, die in ihrer Imaginationskraft über das Medium des Reports hinauswächst. Es entsteht eine poetische Geschichte nicht nur über diesen Verkehrsweg. Watsons Aufzeichnungen erzählen viel über die Eisenbahnen Amerikas und der Welt.
Auch wenn inzwischen die Strecken stillgelegt sind, die Weichen im Boden verwachsen. Auch wenn der Zug zum Geisterzug mutiert ist, bei Chris Watson fährt er immer noch nach Fahrplan. Und das Ohr ist ganz nah dran. Unglaublich nah dran. So, als stände man auf dem einsamen Provinzbahnsteig mit der krächzenden Fahrplandurchsage. So als läge man mit seinem Ohr direkt auf der Schiene einer eingleisigen Strecke, so wie einst in den Geschichten von Mark Twain. Das allein schon wäre als dokumentarische Arbeit wunderbar.
Doch Watson zeichnet nicht nur die Mythen des Reisens quer durch den amerikanischen Kontinent nach. Ihm gelingt der in der Tat fantastische Kniff einer Transformation dieser Dokumentation hinüber in eine klangmalerische Arbeit, ja zuweilen sogar musikalische Arbeit. Ohne Pausen oder andere Vordergründigkeiten gelingt ihm scheinbar mühelos der Übergang in eine fantastische Welt der Technik, in der der Klang des fahrenden Zuges zum künstlerischen Rhythmus selbst wird. Offenbar ist es der Rhythmus einer Nationhymne der Industrialisierung. Einfach und funktionell aber elegant. Dabei jongliert Watson mit unmerklicher Mischtechnik absolut souverän.
Er verbrachte vor Jahren als Mitglied einer Filmcrew, die im Auftrag der BBC für eine Folge von „Great Railway Journeys“ in Mexico drehte, einen Monat als Reisender auf der Strecke. Es war das letzte Betriebsjahr der Linie. Nun kreischen die Radreifen wieder in den Kurven. Die Schwellen pochen in ihrem typischen Takt. Doch das Pochen wir irgendwann zum Symbol einer sterbenden Art sich zu bewegen. Das wird im Laufe dieser Reise klar. Es ist nicht weniger als die akustische Anthologie über die Eisenbahnen dieser Welt. Sicher nicht nur für Industriekultur- und Eisenbahnfans atemraubend.
El Tren Fantasma erscheint am 28. Oktober 2011 bei Touch.

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