Wilco – The Whole Love

Wilco werden wieder musikalischer. Das könnte die Zeile sein, die reicht, um die Rezension abzufrühstücken. Ja, wäre die neue Scheibe nicht ein Highlight des Musikjahres 2011.

Wilco sind wieder bei sich selbst. Das neue eigene Label hat Jeff Tweedy wieder mehr Blut in die Venen getrieben. Seine Songs haben wieder dieses Suchtpotenzial. Bei ihm und bei mir. Das Album beginnt mit einem groovenden Sturm, der sich mit Streichern seinen Weg bahnt. Nels Cline darf sein Chaos-Pad betätigen und er wirbelt es durch die Kanäle. Mann oh Mann. Tweedy hält sich zurück. Er schnappt sich erst im Schlussteil der 7-Minutennummer seine Gitarre. Vorher nutzt er seine herrlich brüchige Stimme, um Vertrauen zu erwecken. Meins hat er seit ich denken kann. Was für ein Beginn.
Danach geht es charmant weiter. Ein angezerrter Bass lässt die Wurlitzer blass aussehen. Tweedy singt sich knackig in wohlige Klänge. Cline wichst. Ja, so ist der Cline. Bei ihm zuckt bei jeder Akkordwendung der kleine Finger. Tweedy will ihn nicht festbinden. Er gewährt ihm reichlich Auslauf. Ich habe Nels Cline mal in New York bei einem Projekt live gesehen. Er spielt nicht Gitarre, er arbeitet.
Wilco nehmen das Tempo gerne mal raus, so auch auf dem neuen Werk. Tweedy zieht sich wieder in sich zurück. Er mag das grelle Licht nicht so. Wie eine Schnecke zeigt er nur seine Fühlerchen und das klingt so zauberhaft. Die Produktion ist eh von atemberaubender Schönheit. Tolle Chöre singen sich in Tweedys Bauchdecke. Alle Instrumente, egal ob Shaker oder Glockenspiel sind akkurat platziert. Glenn Kotche hat diese wahnsinnige Hi-Hat, die sich jede Schülerband wünscht. Sein linker Fuß ist magisch. Er hat dann immer noch beide Hände frei, entweder für die Sticks oder für die Klöppel.
Tweedy schwebt in einigen Stücken wieder, so als würde er aus der Haut fahren und sich selbst beobachten. Er geht mit sich ins Gericht. Hart, aber fair. Der einsame Cowboy, der sich dem Altcountry verschrieben hat, aber nicht die verdreckten Stiefel anziehen will, die ihm Mom rausgestellt hat, geht seinen Weg stolz weiter. Tweedy will sein Songwriting aus der Traufe heben. Dies gelingt vorzüglich mit “Dawned On Me”. Der Country und Folk, all die Tradition soll sich spiegeln und neu formieren. Ganz ruhige Momente hat The Whole Love auch zu bieten. Wunderbar lakonisch wird mit der Steel-Guitar die Prärie gestriffen, der Sonnenuntergang geküsst und die Exfrau mit Kuchen überrascht. Der Bass von John Stirratt spielt seine eigene Welt zusammen. Auch soundtechnisch hat sich John was Neues überlegt. Er will wohl nicht hinter Nels zurückstehen. Sein Bass hüpft verspielter und dramatischer als noch auf Wilco-The Album.
Wann wird der große Gong eingesetzt? Ich hänge an Jeffs Lippen und glotze auf Nels Finger. “Capitol City” macht sich shufflelig aus dem Staub. Ein Kleinod aus der Laienspieltruppe. Auf einmal haben die Beatles nen Stetson auf.
Es wird noch mal Tempo aufgenommen. Wütende Gitarrensalven zeigen, dass Rock auch stumpf sein kann. Das macht Laune. Am Ende gibt es den Rausschmeißer. Ein Zwölfminüter, so dick wie dein Fingerdarm. Ein warmes Klavier sucht sich Platz. Schwer zu finden bei all den Gitarrenmelodien und einer Menge an Text. Tweedy brummt wieder. Er ist der traurige Geschichtenerzähler, dem eine Gute Nacht-Geschichte nicht reicht. Er hat seine Bibliothek mitgebracht. The Whole Love ist ein kräftiges Werk. Eins, das man erst begreift, wenn man es zehn Mal am Stück gehört hat. Die Countryelemente sind wieder zurück. Glockengeläute ebnet den Weg in eine Zukunft, der Wilco jetzt wohl wieder gerne entgegen schreiten. Die Unabhängigkeit ist zurück erfochten worden, der Platz in meinem Herzen auch (war er jemals belegt?) und der Eintritt in die vordersten Ränge, wenn es heißt, das Album des Jahres zu nennen. Jetzt kann Tweedy sich schlafen legen. Bis zum nächsten Ausritt, Alter!

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