Reinhold Friedl – Inside Piano

Reinhold Friedl ist bekannt als Mastermind des Ensembles Zeitkratzer, welches sich in den letzten Jahren mit zahlreichen genreübergreifenden Projekten den Ruf eines außergewöhnlichen Ensembles für zeitgenössische Musik und Musik des 20. Jahrhunderts gemacht hat. Zuletzt trat Zeitkratzer mit Interpretationen zu Whitehouse und vor allem zu Alvin Lucier positiv in Erscheinung. Nun besinnt sich Friedl auf das Instrument, an dem er auch studiert hat. Das Ergebnis ist mehr als nur hörenswert. Es ist von verstörender Schönheit.
Inside Piano
Klavierpräparationen und Experimente mit Rahmen und Saiten sind ja nicht mehr neu. Doch Friedl nimmt hier gewissermaßen eine komplette Umstülpung des Instrumentenkörpers vor. „Inside Piano“ kehrt das Innerste eines Steinway D-274 nach aussen. Der klangerzeugende Resonanzraum tritt in den Hörraum ein und erfüllt ihn sogleich. Der Hammerton, ausgelöst durch einen mehr oder weniger starken Tastendruck, verschwindet hier in unbestimmteren Klanganhäufungen. Er wird zur buchstäblichen singulären Ausnahme degradiert. Vielmehr prägen die entfesselten Welten metallischer Saitenwerke des Flügels ein fremdartiges Klanggefüge aus mehr oder weniger stabilen Bergen von Schwingungen.
Die Innenwelt tritt also nach aussen und die bekannten Eigenschaften des Hammerklaviers, die für den kontrollierten, klar definierten, anschlagdynamischen Ton stehen, mutieren komplett zum Alien. Dieses Alien trägt gleichsam organische wie auch technische Züge. Es greift auf aggressive Art und Weise nach dem großen Raum und erobert ihn im Flug. Mit seiner Masse steht es dann für eine gewisse Stabilität und erfüllt uns trotzdem mit Gefühlen der Irritation und Unruhe, die es selbst sogleich wieder durch den nächsten dynamischen Akt in Luft auflöst.
So bleibt stets das Geheimnisvolle im Zentrum der beeindruckenden Arbeit Friedls, die uns die Eingeweide des Pianos gleichzeit als etwas sehr Dynamisches und Schwerwiegendes zeigt, was auf eine verwandte Art und Weise auch bei Weltausstellung zu hören war. Verhängnis schwing in den verstörenden Schichtungen aufregend mit. Die Aufnahmen zu „Inside Piano“ entstanden am 08. und 09. Juli 2010 in der Philharmonie von Luxemburg.
Inside Piano ist im Juli 2011 bei Hrönir erschienen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.