Biosphere – N-Plants

Was ist die Vorsilbe Bio- heute eigentlich noch wert? In Zeiten von Bio-Ketchup, Bio-Fertiggerichten und Bio-Amaranthmüslis, die zu mehr als 25% aus Zucker bestehen, Biorohrzucker versteht sich, scheint die reine Lehre ferner denn je. Der Norweger Geir Jenssen, dessen Frühwerke in den 90ern auszugsweise schon in der MTV-Chill-Out-Zone liefen, war nie Vertreter irgend einer Art von reinen Lehre. Das mögen vielleicht manche beruhigend finden. Dafür hat er aber leider kaum neue Erkenntnisse im Gepäck.
Als Protagonist des Ambient würde sich Geir Jenssen wohl ebenso missverstanden sehen, wie auf die Tätigkeiten des Fieldrecorders und Dokumentars reduziert zu werden. Der Ausgangspunkt für „N-Plants“ war ein Foto des japanischen Atomkraftwerks in Mihama, welches Jenssen im Februar 2011 fand. Die aus der Nach-Fukushima-Sicht überraschende thematische Ausrichtung brachte also die Motivation für behutsam einstreute Fieldrecording-Elemente japanischen Ursprungs mit sich.
Dennoch erinnert vieles an die Ruhepuls-Elektronik vergangener Jahrzehnte. Im Focus steht eine Harmonik im schönsten Streicherabendkleid. Im Downbeat tänzelnd feiern sich reich geschmückte Sound-Wallungen mit großspuriger Geste. Alle bekommen ihr melodisches Edel-Motiv. Durch hintergründige Atmosphären erhalten sie oft zusätzliche Tiefe. Hier wirken mithin Fieldrecording-Momente als Kontrastmittel und Emotionsverstärker. Zweifelsohne ist das schön, aber nicht in wesentlichen Teilen neu, werden nicht nur Freunde von Orbital und Plaid anmerken.
„N-Plants“ ist Anfang Juli 2011 bei Touch erschienen.

0 Gedanken zu „Biosphere – N-Plants“

  1. biosphere hat aber immer die beliebig- und harmlosigkeit unzähliger ambient-technoplatten souverän umschifft; ein meister seines fachs in meinen augen bzw ohren. die “polar sequences” könnte mal wieder beachtung finden. sowieso schade, dass ambient-techno ende der neunziger so sanft entschlafen ist. was waren da für klassiker: higher intelligence agency oder die artificial intelligence – compis, warp zu der zeit!!! und überhaupt: touch, was für ein label… und was ist neu? oder neue erkenntnisse??? und was soll denn der bio-vorwurf? oder die mtv-häme? der hat sogar schon werbemusik für levis gemacht, jajaschlimmschlimm.
    blala, ich kenne die platte gar nicht. aber axel, von dir hätte ich gerne eine genauere besprechung erwartet. dankebitte.

    1. Lieber Cornichon,
      es ist erstaunlich, was du aus meiner Rezension alles herausliest. Die Bemerkungen zur Vorsilbe Bio sind nicht als Vorwurf zu verstehen, an wen oder was auch? Es handelt sich um ein Wortspiel zum Thema Stilreinheit. Denn Bio steht ja oft für Reinheit, Ursprünglichkeit und Natürlichkeit. Ich wollte lediglich darauf hinweisen, dass dem nicht immer so ist, auch nicht bei Biosphere. Der mischt nämlich den Ambient mit Fieldrecordings an. Und MTV-Häme? Habe ich schon gar nicht. Wenn du noch mal genau nachliest, wirst du feststellen, dass ich dieses Kapitel ganz neutral erwähnt habe. Im Übrigen attestierte ich dem Album Schönheit, uneingeschränkt. Das “N-Plants” für mich nicht das Album des Monats ist, steht auf einem anderen Blatt. Vielleicht hörst du ja einfach mal rein.

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