Matana Roberts – Coin Coin Chapter One: Gens De Couleur Libres

Gesprächskreise reden sich den Mund fusselig. Diedrich Diederichsen beehrt mal wieder die Spex und das alles nur wegen Matana. Bevor das Fass überläuft, muss man noch schnell seinen Senf dazugeben. Auch ich.
Die Alto-Saxophonistin bespielt ihre Familiengeschichte mit collagenartiger Soundsprache. Free-Jazz pumpt sich röhrend durch ein Gefühl des 19. Jahrhunderts. Berge werden aufgeschüttet mit wilder Ekstase, Tod und Wucht. Lange, verspielte Drones ziehen sich am eigenen Schopf aus der Brühe. Das Klavier versucht Ruhe und das Glück zu symbolisieren, während Matana jede Ausbruchsmöglichkeit sucht, die sie aus der Sklaverei befreit oder wenigstens so klingt, als würde etwas funktionieren und sich verändern. Als gäbe es einen Weg. Das hat stimmige Momente, die nicht nebenher funktionieren. Wenn eine gequälte Stimme sich ins Feuer wirft und flennt, ist man erstmal schockiert. Ich habe lange keine stimmliche Darbietung mehr gehört, die einem so weh tut.

Die Platte wirkt wie ein Jazzfestival auf einer Method Acting-Tagung. Afrikanisch-Amerikanische Experimentalmusik. Musikalische Konzepte werden vorgelegt, Geschichte wird mit Noten phrasiert, die aber nicht ständig miteinander, sondern eher gegeneinander arbeiten. Neudefinitionen von Traditionen werden mit Kreide und Holz dargelegt. Weiche Momente bekommen durch das Holz knochige, störrische Unterarme. Ein Funken reicht und das Ding brennt. Politik wird dramatisiert. Das Album schwappt. Mal plustert es sich wild auf, macht keine Gefangenen, dann fällt es in sich zusammen, zieht sich ins Erzählerische zurück. Ein Spuk taucht auf und hinterlässt Spuren, die bis heute in den Nacken sitzen. Der Protest wird radikalisiert.
Matana will berichten, aufklären und sich erinnern. Geneigte Zuhörer nennen Albert Ayler als Referenz. Kann man machen, doch Matana bedient sich gerne aus allen Töpfen. New Orleans saust ohne Wasser vorbei. Fast staubtrocken klingen die Instrumente. Passagen bekommen Farben zugeordnet, die auch schon mal gelb sind. Krankheit und Stolz treffen sich in einem Korsett, dass im Rücken geschnürt ist und Striemen verursacht. Das Geheul ist groß, die Welt wackelt. Und wie bei einem Radiosuchlauf bleiben Passagen hängen, die man so noch nicht gehört hat. Nach dem Knall, kommt der Aufbau, nach dem Aufbau die Geburt. Darauf folgt die erste Festnahme, die eine Befreiung nach sich zieht. Nach der Befreiung lässt die zweite Festnahme nicht lange auf sich warten. Gewalt wird angetan. Wer wird hier unterdrückt? Wenn Ruhe einkehrt, weiß man dann schon, dass das nicht lange anhalten wird. Türme werden hochgezogen. Jazzorchester werden auf die Bühne geschoben. Tusch! Avantgarde-Jazz-Noise-Bigband-Spoken Word-Live-Album. Darüber wird zu reden sein!

0 Gedanken zu „Matana Roberts – Coin Coin Chapter One: Gens De Couleur Libres“

    1. Für Herrn Vazquez: Über ihrem Artikel steht Avantgarde, Jazz und nicht etwas Avantgarde-Jazz. Meine Frage zielte mehr in die Richtung: Was ist der Bruch mit dem Bisherigen, was ist das originär Innovative an der Musik der Matana Roberts?

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