Andreas Dorau – Todesmelodien

Dada hängt dir in den Kleidern. Hast du noch eine Melodie oder wiederholen wir einfach nochmals alles? Ist der Fernsehgarten die Hölle und Fred tot? Fragen über Fragen. Andreas Dorau, der Clown auf der Fachtagung für Elektronische Musik mit (Aber-)Witz setzt die rote Nase ab und scheppert einfach drauf los.
Schon das Plattencover ist ein Knaller! Herrlich!
“Größenwahn” funktioniert. NaNaNas ziehen weich ihre Kreise. Die Showtreppe führt über den Pool. Lustige Sounds machen sich den leichten Pop zunutze, um sich in dein Herz zu schleimen. Dorau hält sich mit der Quietschstimme ein wenig zurück. Bläser kommen aus der Truhe und sind James Last in Biscaya. Der Text scheint wichtig. Die Musik macht auf noch wichtiger. Kleinteiliger geht es weiter. Wieder kommt ein Spielmannszug durch Doraus Kinderzimmer. Seine Worte sind wieder mal falsch platziert. Das macht der doch extra! Ein Glockenspiel und Mario hat ein Leben verloren-Gebimmel spielen sich die Bälle zu. Dorau kann die Songs nicht tragen. Gut, er setzt die rote Nase wieder auf. Muss er doch auch nicht. “Stimmen in der Nacht” ist Grusel-Schlager. Der Song flockt vor sich hin. Wie eine Popcorn-Maschine ploppt aus Doraus Mund ein Text, der ganz stimmig ist, sich aber mit der Musik duelliert. Hubert Kah-Gitarren drehen sich im Kreis und müssen gegen Zinnsoldaten, die sich als Backgroundsängerinnen getarnt haben, messen. Da könnte ein Slide-Guitar-Einsatz helfen. Macht Laune!
Lustig, dass mir heute erst auffällt, dass Doraus Art zu singen an Max Müller von Mutter erinnert, nur anders aufgenommen. “Ausruhen” macht auch klar, dass Hans Unstern sich an Dorau orientiert. Oder andersrum. Dem neuen Album fehlen nicht die Ideen an Sounds. Da passiert viel. Eine Tuba drückt sich auf den Jahrmarkt der Großspurigkeit. Die Songs ähneln sich manchmal zu sehr. Die Akkordwechsel sind, auch die krummen, immer gleich. Dorau setzt sich in die Songs. Er matscht in ihnen rum. Ihm reicht manchmal eine Zeile, um darum ein funny Gerüst zu drechseln. Und zack ist ein Hit gebastelt. Du legst das Notenheft zur Seite. Lass dich fallen. Auf einmal wippt mein Fuß. Ich genieße die manchmal selbstzerstörerischen Akkordwechsel. Ihm ist die Disco wichtig, das Flackern der großen Lampen. Auch wenn eine verglüht. Er hat noch Wunderkerzen.
Dorau weiß, dass seine Strophen nicht so ziehen. Dafür stapelt er bei den Refrains gerne Honig und Naivität hoch. “Single” ist ganz charmant. Wie alles irgendwie. Man kann ihm nicht böse sein. Er bleibt der Abi-Abschlussball-König, der alle nervt. Keiner kriegt ihn von der Bühne. Er hat Wahrheiten und skurrile Bilder parat. Der Trauerkloß weint seit Jahren rum. Richtige Todesmelodien werden uns nicht geboten, doch Todesmelodien ist mehr als ich erwartet hätte. Deutscher Pop, der gar nicht mehr den House so im Blick hat, sondern die Narrenfreiheit, das Schützenzelt und den Philosophen-Stammtisch.
Beste Platte 2011 aus Deutschland bisher. Man könnte Dorau mit Scheiße bewerfen und er würde dir entgegnen: “Du bist inkonsequent!” Inga Humpe und Françoise Cactus, die schon in “Schwarz Rot Gold” die Fahne schwenkt, kommen als Girlies vorbei. Was für ein Ende! Man verliebt sich dann doch noch in den Nasenmann. Streicher umwehen ein “Where Did Your Love Go”-Zitat und ein Klavier hackt sich die Tastatur runter. Soul! Ich glaube wieder an Andreas! Und an deutschsprachige Popmusik!

0 Gedanken zu „Andreas Dorau – Todesmelodien“

  1. stimmt: andreas kann man nicht böse sein. habe mich beim hören aber gelangweilt. ich werde die platte demnächst auf bier probieren, stoned faces don’t lie.

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