Klassiker: Sibylle Baier – Colour Green

Manchmal gibt es MusikerInnen, die wissen gar nicht, dass sie es sind. Sie wollen es gar nicht sein, denn ihre Musik ist für den Hausgebrauch entstanden. So zwischen Tür und Angel oder am Lagerfeuer. Irgendwo in einer stillen Minute. Vielleicht sogar am Kinderbett?
Sibylle Baier war mir bis vor kurzem noch unbekannt. Ich hatte ihren Namen noch nie gehört. Ich muss zugeben, wenn ich mich mit den Filmen von Wim Wenders, die vor “Paris, Texas” entstanden sind, ein wenig aufmerksamer beschäftigt hätte, könnte mir ihr Name doch schon mal durchs Gehirn geschossen sein. Ich hatte sogar bei “Palermo Shooting” die zweite Chance vor noch gar nicht allzu langer Zeit. Da hat mich Campino abgehalten. Hätte ich mal den Soundtrack gehört. Erst Freddy Ruppert, der Kopf von Former Ghosts brachte mir Sibylle Baier näher. Auf einem seiner Mixtapes tauchte ein Song von ihr auf. Dann ging es ans Googeln. Eine tolle Geschichte kam zum Vorschein und ein Album, dass erst über dreißig Jahre später veröffentlicht wurde. Jetzt liegt es in meinen Händen und ich behüte es wie einen Schatz, den aber trotz aller Vorsicht so viele Menschen wie möglich kennenlernen sollten.
Sibylle stammt aus Deutschland. Sibylle streifte durch die Welt. Sie schrieb Songs. Für sich. Eine Gitarre reichte. Ihre Stimme schwankte zwischen Nico und Anne Briggs. Alles wurde sofort aufgenommen. Keine Effekte, keine Overdubs. Reel to Reel. Am liebsten nachts, wenn die Liebsten schon schliefen. 1974 tauchte sie im Wenders-Film “Alice in den Städten” auf, sie sang sogar ein Lied. “Softly” ist kühles Leisetreten. Es steigert sich über einen schweren Akkordwechsel in ein Mantra. Ein Blues, der Sibylles Stimme auf einmal warm umspielt. Nach nicht mal drei Minuten ist er vorbei. Er schwingt noch Stunden nach. Gerade das Ende, in dem noch einmal eine Verschiebung passiert.

Colour Green rauscht. Es ist fast ein Fieldrecording-Album. Man ist irgendwie dabei, man spürt, trotz all der Langsamkeit Sibylles Drang, etwas Neues zu entdecken. Sie wirkt rastlos. Sie schnappt sich ihre Gitarre, greift schnell ein paar Akkorde. Die helfen ihr zu bleiben. Innezuhalten und zu Genießen. Es muss nicht immer der Erfolg sein. Es reicht manchmal ein Glas Rotwein und das ruhige Atmen der Liebsten. Nicht immer muss ein Chorus die Stimmung auflösen oder übertrumpfen. Die Songs tropfen nur. Die Kinder schlafen schon, während Sibylle in der Küche sitzt und an der Tape-Maschine auf Aufnahme drückt.
Alle Stücke entstanden zwischen 1970 und 1973. Dreißig Jahre später sitzt nun Sibylles Sohn Robby am Rechner und macht für Freunde und Familie einen Mix der alten Songs. Er brennt CDs und verteilt sie.
Auch J Mascis bekommt eine in die Finger. Warum gerade der? Er ist begeistert und reicht es weiter. Das Label Orange Twin ist interessiert. Es veröffentlicht Colour Green 2006. Sibylle hatte sich für die Familie, für Amerika entschieden. Für sie waren Rummel oder Ruhm immer egal. Auf einmal gehörte sie in die obskure Folkecke. Freakfolk whatever. Doch richtig bekannt geworden ist sie natürlich nicht. Ihre Musik fällt aus der Zeit. Sie ist in ihrer Strenge irgendwie typisch deutsch, dass aber ohne den erhobenen Zeigefinger. Im letzten Song sitzen ihr Streicher im Nacken, da merkt man erst, dass ihr das alles nicht geheuer ist. Hat bestimmt Robby später hinzugefügt, um seiner Mutter Angst zu machen.
Sibylle wird ein verträumtes Mädchen bleiben. Ihr Stimme sucht immer nach dem Glück, dass ihr doch wiederfahren ist. Sie hat ihre Musik gemacht. Hat ihre Familie gehabt. Einen Job. Es muss nicht immer der Barhocker auf den großen Bühnen der Welt sein. Die Sehnsucht bleibt. Angeblich soll es irgendwann ein zweites Album geben. Colour Green ist nun aber auch schon wieder fünf Jahre her. Vielleicht bringen ja ihre Enkelkinder die neuen Sachen raus. Oder gibt es vielleicht noch mehr alte? Ihr Song “Forget About” wird für immer in meinem Herzen bleiben. Sibylle hat alles richtig gemacht. Respekt.

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