Bon Iver – Bon Iver

Die Nacht wird durchgewacht. Der Marsch gibt dir Halt. Dir fallen die Augen zu, doch an Schlafen ist nicht zu denken. Bon Iver gibt sich größer und entspannter als noch auf “For Emma, Forever Ago”. Die Arrangements sind nun für die Wohnküche gemacht. Nicht mehr nur für den Schrank oder unter der Decke.
Große Big-Pop-Synthies schwelgen über weit abgelegene Städte. In der Nacht hat der Wind die Strohballen in Bewegung gebracht. Lange Autofahrten können nur noch mit Hilfe des Radiomoderators durchgehalten werden. Bon Iver übernimmt diesen Job. Er erzählt seine Geschichten, holt das Banjo raus oder lässt aus dem Nebenzimmer die Blaskapelle spielen. In “Hinnom, TX” ist er zunächst Barry White und dann Prince. Irgendwo gibt es jetzt ein Feuerwerk. Du musst nur in den Himmel schauen.

Der R&B dient nur als kleinster Nenner in einer Welt, die sich mit akustischen Gitarren paart. Bon Iver setzt seine Kopfstimme sparsam ein. Doppelt sie geschickt, um ihr mehr Kraft und Raum zu geben. Ein gehauchter Blues bekommt diese treibenden Snareschläge, ohne gleich unruhig zu werden. Pickings verwehen und Pick-Ups werden geladen. Heute geht es weiter. Justin Vernon bleibt ein Reisender. Mal setzt er sich zu Kanye West, um zu plaudern oder American Idol klopft an die Wohnwagentür und möchte Vernon für sich gewinnen. Die Kids lieben ihn. Ein Indie-Typ, der auszog, um der Welt das Fürchten nahezulegen.
Der Soul-Folk ist ein bisschen reißender geworden. Eine warme elektrische Gitarre hat auch ihre Geschichte mitgebracht. Das Falsett schmiegt sich an die Akkorde, klebt fest und reist ungefragt als Blinder Passagier mit. Emotionen werden zugelassen. Autotune auch, wenn die Stimme gegen die Autotür schlägt und man schon aufs Gas gestiegen ist. Die Countryband in der Scheune übt schon die ganze Nacht. Wann darf sie das Gatter öffnen? Die Mitbürger haben etwas Schmalz hinten drauf geladen. Der bleibt schon mal im Bart hängen oder Phil Collins kommt vorbei und leiht sich 50 Kilogramm. “Beth/Rest” hat aber immer noch eine Tonne. Bon Iver reist weiter. Wo sind die Wurzeln, wer bestimmt, was man machen kann und was nicht? Bohlen würde sagen:”Mehr Gefühl geht nicht.” Wunderschön.

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