Kangding Ray – OR

Da ist sie wieder, diese kühle Klangwelt, die sich voller Stolz in großen Hallräumen präsentiert. Es ist eine Welt, die sehr gegenwärtige Zustände durch eine Sprache der Technik beschreibt, deren Drang nach Modernität und Fortschritt sich gern auf Kosten von Verständlichkeit und Allgemeingültigkeit durchsetzt. Eine Sprache, zu der es immer noch keine Grammatik gibt, was sie gerade deshalb um so attraktiver macht. Denn Statik und Dynamik sind wichtiger als Tonalität. Und Autonomie ist wichtiger als Geschwindigkeit.
Klar ist immerhin, dass diese Klangästhetik von Konzepten massiver synthetischer Rhythmik getragen wird. Mit pumpender Wucht lassen digitale Klangriesen eine konventionelle Tonalität im Handumdrehen in Vergessenheit geraten. So als ob es ihr Auftrag wäre, in einer Welt von technologischen Desastern und Anti-Utopien eine umso perfektere Maschine zu erbauen: das unangreifbare monolithische akustischen Objekt. Dieses rollt schließlich, angetrieben von einem sich scheinbar selbst reproduzierenden Beat, unbeirrt weiter durch das eisig vernebelte Terrain in eine autonomere Zukunft.
Das Konzept der Abschottung durch Verdunkelung und Abstraktion funktioniert auch auf Kangding Rays dritten Raster-Noton-Album „OR“ sehr gut. Sein Produzentenpfad verläuft nach wie vor in einer spannenden Mischzone aus abstraktem Experimentallabor mit Monolake-Bibliothek und dunkelster Clubkultur jenseits einer Prägung durch IDM und Noise. Mehr noch als z.B. Senking, der auf seinem letzten Album einem langsam wobbelnden Tiefbass noch sehr viel Raum gab, hat Kangding Ray zu den Hinterhöfen des Dubstep keine Direktleitung gelegt. Deshalb erreicht „OR“ als Album vielleicht wenige spektakuläre Momente, ist aber als Ganzes um so hermetischer. Was umso erstaunlicher ist, da „OR“ mit Rose Tizane Merrill als Gast bei „Monsters“ auch noch poetische Vokalmomente in sich birgt.
„OR“ ist am 23.05.2011 bei Raster-Noton erschienen.

Kangding Ray - Live
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2 Gedanken zu „Kangding Ray – OR“

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