Klassiker: Screaming Trees – Invisible Lantern

Manchmal musst du einfach zu viele Donuts machen, um zu begreifen, dass das auch nicht das Richtige für dich ist. So geschehen bei Van Conner, seines Zeichen Bassist der Screaming Trees 1988. Die aufwühlenden Aufnahmen zum dritten Screaming Trees-Album waren endlich vorüber, alles war im Kasten, doch Van hatte keine Lust mehr mit seinem Bruder und den Anderen weiterzumachen. Grunge hatte noch keinen Namen und die Screaming Trees kannte man wohl nur in Ellensburg, Washington.
Zwei Alben gab es zwar schon, doch wohl nur Kritiker, Familie und Freunde hatten diese im Schrank. Dann kam SST, das Kultlabel der Zeit und signte die Rocker. Alles hätte so wunderbar werden können, doch die Aufnahme wurde zur Tortur. Steve Fisk saß hinterm Mischpult. Eigentlich ein begnadeter Mann, doch die Umsetzung mit den “Trees” war nicht so einfach. Wie ein “fünfter Beatle” machte er sich am Geäst der “Trees” zu schaffen. Er wollte ihnen den letzen Schliff geben, das Außergewöhnliche. Eine Schweineorgel sollte den amtlichen Touch verleihen. Seine Mixe fanden nicht immer Anklang bei der Band. Die wiederum hatten einen großen Lagerkoller durch zu viele Touren. Der Konsum von sehr viel Pot war auch nicht gerade hilfreich. “Invisible Lantern” erschien dann doch. Van Conner machte sich aus dem Staub. Er suchte sein Glück in der Donut-Bäckerei und fand es natürlich nicht. Er wurde 1988 von Donna Dresch für eine Tour mit Firehose ersetzt.

Aus heutiger Sicht ist “Invisible Lantern” das wohl stimmigste und griffigste Album der “Trees”. Tolle Feedback-Wände von Gary Lee Conner treffen auf eine dicke Produktion, die sehr an einem Gesamtsound interessiert war. Die Drums sind sehr im Sound integriert. Und doch hört man jedes kleine Fill, jede Berührung auf der Snare. Der psychedelische Anteil wurde noch einmal verstärkt und der damals noch unbekannte Mark Lanegan gab mit seiner charismatischen Stimme den Screaming Trees ein Gesicht, das aus Jim Morrison und einem besoffenen Hinterwäldler zu bestehen schien. “Invisible Lantern” ging natürlich auch irgendwie unter. Wie sollte es auch anders sein? Obwohl kein Geld zu holen war, kam Van Conner zurück.
Bands wie Soundgarden oder Firehose waren schon angekommen. Hüsker Dü waren in aller Munde und Sub Pop wurde aus einem Fanzine eine Plattenfirma. Die Screaming Trees waren die wohl beliebteste Kritiker-Band der Zeit, doch Verkaufszahlen sprachen andere Bände. Schnell merkte man, dass auch der Weg in die College-Charts nur erreicht werden kann, wenn man ein wenig mehr den Weichspüler mit hineingießt. Mark Lanegan löste sich schon sehr schnell von den “Trees” und nahm 1990 überraschenderweise sein erstes Soloalbum auf, mit tatkräftiger Unterstützung Kurt Cobains. Mark Lanegan wollte aus dem Schatten ins Licht treten, zwar immer noch mit Mitteln des Psychedelischen, aber als Frontmann, den man ernst nehmen kann. Als Songwriter mit magischer Poesie.
Komischerweise schafften es die “Trees” damals dann doch noch auf einem Major zu landen, wohl nur eine Begleiterscheinung des Hypes um Grunge. So wurden unzählige Bands gesignt, die irgendwie mit Cobain und Pearl Jam in Verbindung standen. Ausverkauf!
Kleine Hits wie “Nearly Lost You” machten aber auch noch keinen Sommer. Zehn Jahre hielten es die Screaming Trees zusammen aus. Und aus heutiger Sicht sticht “Invisible Lantern” wie ein Streif am Horizont aus dem Wirrwarr der Grunge-Zeit heraus. Tolles Songwriting und atemberaubender Sound machen das dritte Album zu einem Meisterwerk. Die dreckige Gitarre von Gary Lee Conner schmiegt sich sanft in deine Ohren. Einige Nummern grooven sehr stark und haben trotz der beruhigenden Stimme Lanegans ein Höllentempo. Backingvocals treten ins Sonnenlicht und unterstützen Lanegans lautes Organ. Der Bass von Van hüpft sanft mit quirligen Figuren. Spielfreude wird hier noch spürbar. Die 60er und 70er werden schön gestreift. Punk wurde nicht angerührt. Aber die Screaming Trees brauchten auch keine Schublade.
Die Texte von Lanegan fliegen unbekümmert über Feedbacks. Der Soul ist in jeder Biegung mit dem Herzen zu spüren. Ein Yeah wird gedehnt, genau wie ein Gitarrensolo, das sich schon mal hinter Lanegan klemmt, der dann fast so röhrt, wie ein Orange-Amp. Irgendwie ist das alles wie bei den Meat Puppets, die auch nur durch das Nirvana-MTV-Unplugged ins größere Gespräch kamen und dann von den Indie-Gören mit einigen Lustkäufen über Wasser gehalten wurden. Ich glaube Nirvana-Fans haben die Meat Puppets niemals verstanden.
“Invisible Lantern” ist ein Highlight der damaligen Zeit und immer noch ein Highlight, wenn man zu später Stunde im dunklen Wohnzimmer sitzt. Eine Wucht kommt da aus den Boxen geschossen. Ein psychedelisches Soul-Album, das sich den Rock packt und einen Poeten ans Mikro stellt, der wütend und traurig auf einen einfeuert. Unvergesslich!

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