Woher kennst du eigentlich die Beatles? Christine Gerber gibt Antwort.

Unsere neue Reihe nimmt sich einer banalen Frage an, die auf den ersten Blick überflüssig erscheint, doch bei genauerer Betrachtung ungemeines Potenzial beinhaltet. Jahrgangsgeräusche hat sich zur Beantwortung dieser Frage GastautorInnen eingeladen, die ohne Reglementierungen ihre Beiträge einreichen konnten und auch weiterhin noch können. Schön zu sehen, wie unterschiedlich sie das bewerkstelligen. Blicken unsere Autoren in die Vergangenheit? In die eigene oder die der Eltern? Ist Musik nur der Aufhänger für eine popkulturelle Auseinandersetzung mit den eigenen Erwartungen an ein Geschenk wie Liebe? Reichen unsere Kollegen, Freunde und Leser Gedichte oder Songs ein? Gibt es eine fiktive Antwort als Schelmenkurzgeschichte? Sagen Fotos mehr als tausend Worte? Wir lassen uns überraschen.
Alles ist möglich und nun fragen wir: “Woher kennst du eigentlich die Beatles?”

Die mittlerweile vierte Anfrage beantwortet Christine Gerber. Sie ist Dipl.-Übersetzerin, Texterin und Lektorin. Ihr besonderes Interesse gilt dem Film, sportlichen Großereignissen und literarischen Kleinoden. Christine Gerber lebt und arbeitet in Düsseldorf.
Es war irgendwann im Frühsommer, als ich beschloss, Schriftstellerin zu werden. Mein Studium hatte ich Anfang desselben Jahres beendet und da ich mich für jegliche Art von regelmäßiger Tätigkeit für vollkommen ungeeignet hielt, verkündete ich, dass ich jetzt einen Roman schreiben würde. Zu meinem Erstaunen wunderte sich kaum einer ob dieses kühnen Vorhabens, unternahm niemand den Versuch, mich davon abzuhalten. So bezog ich im Mai mein altes Kinderzimmer im Haus meiner Eltern auf dem oberschwäbischen Land und begann mit der Planung meiner schriftstellerischen Karriere.
Das will gut durchdacht sein, sagte ich mir – und richtete eine Schreibstätte ein. So eine, die Verehrer Hunderte von Jahren nach meinem Tod noch würden besuchen und bei deren Anblick sie andächtig würden „Oh“ oder „Ah“ sagen können. Einen schweren, alten Holztisch zog ich vor ein Fenster, das nach Osten wies. Ich schleppte Kisten voll alter Bücher aus dem Nachlass meines Großvaters über den langen Flur in mein Zimmer, wo ich sie an den Wänden zu Türmen stapelte. Kurz zog ich in Erwägung, der Katze Einlass ins Zimmer zu gewähren, wog meinen Ekel vor ihren langen Haaren und meine Hoffnung auf Inspiration gegeneinander ab, und ließ die Katze, wo sie war. Dennoch: In dieser perfekt komponierten Umgebung würden die Zeilen nur so aus mir herausfließen!
Tag für Tag bezog ich in aller Frühe meinen Platz, beobachtete die Nachbarn, die eine kleine Schweinezucht unterhielten, lauschte Satzfetzen aus Gesprächen, welche die Patienten meines Vaters vor unserem Haus führten, und den Schritten meiner Mutter auf der knarrenden Holztreppe. Gedanken, die ich hätte zu Papier bringen können, stellten sich nicht ein. Anfang Juni versuchte ich es statt mit Inspiration mit Strategie. Ich dunkelte mein Zimmer ab, um mich ja von keiner potenziellen Inspirationsquelle irritieren zu lassen, und entwarf ein Konzept, nach dem ich mein Buch schreiben wollte. Ich mischte Zutaten, die ich selbst in den Werken anderer besonders geschätzt hatte, zeichnete Handlungsstränge, die symmetrische Muster ergaben, auf Papierbögen, entwarf Figuren, denen ich Charaktereigenschaften, welche ich für besonders literarisch hielt, zuordnete.
Selbstverständlich wollte ich nicht „irgendwas“ schreiben. Mein Plan war, berühmt zu werden. Ich gedachte, den großartigsten Roman zu verfassen, den die Menschheit je zu Gesicht bekommen hatte. Ich wollte die jüngste Literaturnobelpreisträgerin der Geschichte werden und die einzige, die diese Auszeichnung mit nur einem einzigen Werk erhielt. Ich sah mich in Talkrunden kritische Reden schwingen, sah mich Menschen aufrütteln und inspirieren und ich sah mich in Jazzbars Roger Willemsen küssen.
Manch einem, der Bücher schreibt, gelingt es ja tatsächlich, anderen Menschen das Gefühl zu geben, sie seien auf einmal imstande, etwas Großartiges, Herausragendes, Weltbewegendes zu leisten. Am Abend des 8. Dezember 1980 lehnte im New Yorker Stadtteil Greenwich ein junger Mann an einem Laternenpfahl und las in einem dieser magischen Bücher: J.D. Salingers „Fänger im Roggen“. Kurz zuvor hatte er John Lennon erschossen.
Ich selbst schrieb fünf Seiten, die vermutlich zu unterschiedlichen Kapiteln gehörten, vielleicht auch zu völlig verschiedenen Büchern, und gab mein Vorhaben auf. Es war Juli.
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