Gang Gang Dance – Eye Contact

Manchmal sind es die Experimente, die einen zu dem werden lassen, der man immer sein wollte. Bei Gang Gang Dance ist dies wohl so, denn sie machen ihren Gemischtwarenladen nun zu einem 24 Stunden-Shop. Mehr Arbeit, aber auch mehr Profit. Alles kommt in die Auslage, auf Preise oder Marktwerte wird geschissen, denn nicht nur die Nachfrage bestimmt das Klassenziel.
Ein 11-Minüter macht das Album zu Beginn schon mal zu einer Zerreißprobe. Der Balkan kommt erst nach 4 oder 5 Minuten ins Spiel. Durch die Hintertür werden Beats auf Tabletts hereingereicht. Der Strand bekommt seine typische Fleischbeschau. aber denke an den Orient. Körper werden doch verhüllt. Die Synthies kippen ins Öde, und dennoch gibt es so viel zu entdecken. Alles passiert am Rande und durch die epische Länge perlt an den Rändern eine catchy Melodie ins Tageslicht, die dir ein Lächeln ins vorweggenommene Sommerloch zaubert. Wer hat an der Timeline gedreht?

Tomschläge werden zu Pulver, Ibiza zu einer Panflöte. Nach knapp sechs Minuten mischt sich Lizzi Bougatsos ins Geschehen ein. Ach, sind wir immer noch im ersten Lied? Lied ist schon die falsche Betitelung. Egal!
Wie immer schrammt Lizzi Björk und Elizabeth Fraser. Was singt sie da? Das Partyboot schaukelt. Die Synthies wechseln in Steeldrum-Sounds. Gitarren laufen gegeneinander. Melodiebögen, die selbst nicht wissen, wohin und warum sie so geführt werden, mischen sich unters Volk. Und das Volk ist fuchsteufelswild.
Man hatte das Tempo ganz vergessen. Wie fing der Song noch mal an und wann hört er auf? Welcher Song? Wie aus einem Guss verbinden Gang Gang Dance ihre Stücke, die so aufgebaut sind, als wären niemals Pausen oder Übergänge geplant gewesen. Die noisigen Parts sind verschwunden. Es geht mehr um einen Fluss, der sich schlängelt. Dubbige Parts bekommen lustige Synthie-Hochfiguren an die Seite gestellt. Weltmusik wird auf die schmalen Unterarme geschrieben, doch ohne diesen Folklore-Müll, den so viele Produktionen ausmachen. Aktuelle Popproduktionen werden genauer unter die Lupe genommen und verwurschtelt. Man bekommt es alles gar nicht mit. Manchmal verliert man sich in den Songs, die wie eine überkandidelte Skizze funktionieren. Gibt es Strophen oder Refrains? Ist es immer noch das Ziel zu unterhalten? Oder geht es um Herausforderungen?
Gang Gang Dance sind endlich angekommen. Sie haben all den Überwurf als Zugpferd anerkannt und verstanden, dass sie versuchen müssen, aus allen Ligen auszubrechen. Musikstile sind nicht mehr von Bedeutung. Songs werden nicht mehr einzeln gedacht, sondern als Prozess und Bindeglieder. Trance dient nur als Beruhigungspille, der Dance nur als Weckfunktion, Weltmusik nicht mehr als Spenden-Hotline. Die Welt steht Kopf. Ein Freiflug für Körper und Geist. Manchmal geht sogar der Himmel auf. Kleine Phaser-Gitarren ziehen sich wie ein Prominenter aus dem Sack aus dem Selbigen. Man guckt kurz verdutzt. Mehr als: “Kenn ich doch irgendwoher!” kann man aber dann auch nicht mehr sagen, denn im nächsten Moment tirilliert ein Vögelchen oder schraubt sich ein Kran in deine Gehörgänge. Lückenlose Euphorie! Starke Platte! Wer hat da Trip gesagt?

0 Gedanken zu „Gang Gang Dance – Eye Contact“

  1. danke, zloty. tolle review, auf den punkt gebracht, wo es keinen gibt. wirklich starke platte!!! die haben in berlin gespielt, ich war genau an dem tag in berlin und stand mit kiesgroup auf der bühne (und ein paar meter weiter haben auch noch animal collective gespielt). mittendrin im zirkus, it’s really like a jungle sometimes…

  2. Sauber Zloty. gut gemacht.
    diese Leute sind Aliens, die immer wieder versuchen sich per Musik verständlich zu machen, man bleibt immer aussen vor. Spitzen Kultur-Kack.

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