Woher kennst du eigentlich die Beatles? Nilz Bokelberg gibt Antwort.

Unsere neue Reihe nimmt sich einer banalen Frage an, die auf den ersten Blick überflüssig erscheint, doch bei genauerer Betrachtung ungemeines Potenzial beinhaltet. Jahrgangsgeräusche hat sich zur Beantwortung dieser Frage GastautorInnen eingeladen, die ohne Reglementierungen ihre Beiträge einreichen konnten und auch weiterhin noch können. Schön zu sehen, wie unterschiedlich sie das bewerkstelligen.
Blicken unsere Autoren in die Vergangenheit? In die eigene oder die der Eltern? Ist Musik nur der Aufhänger für eine popkulturelle Auseinandersetzung mit den eigenen Erwartungen an ein Geschenk wie Liebe? Reichen unsere Kollegen, Freunde und Leser Gedichte oder Songs ein? Gibt es eine fiktive Antwort als Schelmenkurzgeschichte? Sagen Fotos mehr als tausend Worte? Wir lassen uns überraschen. Alles ist möglich und nun fragen wir zum zweiten Mal: “Woher kennst du eigentlich die Beatles?”

Den zweiten Beitrag hat Nilz Bokelberg eingereicht, der sich seit Jahren um den Weltfrieden kümmert, Facebook eine andere Klasse verleiht und sich bei Musik- sowie Filmthemen als ein außerordentlicher Kenner erweist.
Zwei seltsame Krankheitsbilder haben meine Kindheit geprägt:
Erstens hatte ich überdurchschnittlich oft Bauchschmerzen, was nach einem Ultraschall mit einer komischen Luftblase im Bauch begründet wurde, welche ich dann durch Weizenkleie im Nuss Joghurt loswerden sollte. Was, glaube ich, ganz gut hingehauen hat. Zumindest waren die Beschwerden irgendwann vorbei.
Das andere waren meine diversen Erkältungen, immer begleitet von übergroßer Schleimproduktion und Halsschmerzen.
Erstmal habe ich die Polypen rausgenommen bekommen. Da war ich ziemlich jung und der Narkose-Traum so prägnant, das ich mich noch heute en detail dran erinnern kann. Mit einem lachenden und grinsenden Joker, der immer auf so einer Slot-Machine erschien und mich auslachte. Schräg.
Die Schleimproduktion war somit deutlich verringert, das Problem hätten wir beseitigt. Blieb aber immer noch der schmerzende Hals. Bei den ersten Anzeichen von Wintereinbruch war es sofort wieder so weit: Meine Mandeln waren gerötet und dick. Die glühten schon durch den Hals durch.
Wir haben uns das mehrere Jahre angesehen. Einen Winter, ich war gerade vor meinem 17. Geburtstag, war es wieder besonders schlimm. Also fuhr meine Mutter mit mir zum Krankenhaus und da stellte sich heraus: ich hatte ein Abszess im Hals, direkt neben den entzündeten Mandeln. Wäre ich damit noch eine Woche länger herumgelaufen, wäre ich daran erstickt. Somit war klar: Die Mandeln müssen raus.
Als ich kurz vor der Narkose auf dem OP-Tisch lag, wurde ich noch von den lachenden Ärzten gefragt, welche Musik ich denn gerne hören würde und ich antwortete, selbstverständlich, mit „Nirvana“. Denn die Band um Cobain war für mich zu der Zeit das Maß aller Dinge. Diese anziehende Wut ist für einen pubertären Jugendlichen aus einer Kleinstadt genau das richtige Ventil, für all die Kraft und Energie, die plötzlich aus dem Körper raus will. Bevor ich aber irgendein Lied hätte hören können, war ich schon weggetreten und erwachte Blut in eine Nierenschale spuckend. Die Mandeln waren raus. Das wäre geschafft.
Jetzt musste ich eine Woche im Krankenhaus bleiben, durfte nur Eis essen – oder leckere McDonalds-Erdbeermilchshakes, die mir meine Schwester manchmal abends vorbei brachte. Ich hatte in der Woche auch Geburtstag, der bei mir auf dem Zimmer ein wenig gefeiert wurde. Ich bekam einen Discman (endlich ein CD-Player!) und das neue und erste Ärzte-Album nach ihrer Reunion „Die Bestie in Menschengestalt“ auf CD. Nun hatte ich auch ein bisschen Stoff zum hören. Aber bei weitem nicht genug, wie mein ältester Bruder fand. Deswegen hat er bei sich zu Hause Kassetten für meinen Walkman aufgenommen:
Auf einer war die „Siamese Dream“ von den Smashing Pumpkins und auf der Rückseite war die „In the Meantime“ von Helmet. Beide kannte ich nicht, von beiden hatte ich noch nie gehört, aber mein Bruder meinte die wären gut und seinem Geschmack konnte ich eigentlich fast immer blind vertrauen. Das andere Tape machte mich da schon deutlich skeptischer: Auf der einen Seite „Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band“ und auf der anderen „Abbey Road“, beide von den Beatles. Er meinte, das wären gute Platten. Puh. Das forderte mich ein wenig heraus. Ich kannte doch die Beatles. Ich hatte irgendwann einmal im Nachmittagsprogramm „Yellow Submarine“ im ZDF gesehen und ja, das waren vielleicht ganz gute Songs, aber ehrlich: Ich war jetzt Grunge-Fan, da hörte man doch nicht mehr so nen Pop-Quatsch wie „Yellow Submarine“ oder „Obladi Oblada“ oder „Nowhere Man“. Ich kannte auch „She loves you“ oder „Help“, das waren Oldies. Das war uncool. Vor allem für einen 16-jährigen. Ich hab nicht verstanden, warum er mir diese Kassetten aufgenommen hat. Auf jeden Fall wanderte sie erstmal in die Schublade und ich hörte abwechselnd Pumpkins, Helmet und Ärzte. Gutes Programm.
Es wurde jeden Tag langweiliger. Ich bekam zwar manchmal Besuch, aber ansonsten hatte ich alle Hefte, die ich hatte, schon 30mal durchgelesen, ein wirklich spannendes Buch hatte ich auch nicht dabei. Was sollte ich machen, ausser aus dem Fenster zu gucken? Und nach drei Tagen hat man auch so langsam die Schnauze voll von Eis und Milchshakes. Ich hätte jetzt mal langsam gerne was Warmes, Deftiges. Das würde aber noch ein paar Tage dauern. Und aus dieser Langeweile und Verzweiflung, griff ich zum Tape in der Schublade. Ich könnte es ja mal wagen. Hier sieht mich ja niemand. Auf so einen kleinen Pop-Hit hatte ich jetzt auch ein bisschen Lust.
Ah, „With a little help from my friends“, das hab ich schon mal gehört. Das kannte ich. Und ein paar andere auch, vor allem „When I´m sixty-four“. Da mein Walkman Autoreverse hatte, wusste ich oft gar nicht auf welcher Seite ich gerade war. Oder ob die Kassette sich schon umgedreht hatte. „Come together“, das kam mir bekannt vor. Okay, ich musste es zugeben: die waren gar nicht soooooo uncool, die Songs, wie ich immer dachte. Das war schon okay alles. Ganz cool. Kann man sich mal anhören.
Und dann plötzlich kam das Lied. Das Lied, das alles veränderte. Sieben Minuten und siebenundvierzig Sekunden Dreck. Power. Energie. Liebe. Lust. Triefendes Fett. Plötzlich wurde mir alles klar: Keine Band der Welt ist auf einen einzigen Stil angewiesen. Musik bedeutet viel mehr als meine Klischees im Kopf. Musik ist die größte Freiheit von allen. Nur weil sich das keiner traut, heißt es nicht, dass es so ist. Dieses Lied, dieses Monster von einem Lied, dessen Titel auch schon der komplette Text ist: „I want you (She´s so heavy)“. Da steckte so viel drin. Die schwüle Hitze, die der Song ausströmte. Und dann brach er plötzlich ab. Ich überprüfte das Tape, aber es war noch lange nicht vorbei. Nein, das war kein Fehler, das Ende war so gedacht. Anders hätte man so ein Ungetüm von Lied gar nicht beenden können, als mit einem schnellen und klaren Cut. Einfach aus und das wars. So und nicht anders. Ich spulte zurück und hörte es noch einmal und es hatte immer noch die gleiche Power, vielleicht sogar noch mehr. Hier kamen Nirvana her, hier kamen Pantera her. Hier kam alles her. Ich habe dieses Lied an dem Nachmittag noch so oft gehört und zurückgespult und noch mal gehört, bis die Batterien meines Walkmans leer waren. Ich hatte ihn endlich gefunden: Den Schlüssel zur Musik. Ich weiß nicht mal ob es wichtig war, dass der Song von den Beatles war. Vielleicht war der Eindruck dadurch ein bisschen Größer für mich, weil ich das gerade von denen am allerwenigsten erwartet hätte. Aber das machte nur ein bisschen aus. Die Büchse der Pandora war geöffnet: Ab heute liebte ich Musik wirklich. In allen nur erdenklichen Formen. Naja, fast: Reggae kann ich auch nach mehreren Versuchen immer noch nicht leiden. Aber die Beatles waren ja auch nie auf Jamaica.
Ich hatte übrigens keinen Winter danach mehr Probleme mit Halsschmerzen.
Nilz Bokelberg ist hier zu finden:
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0 Gedanken zu „Woher kennst du eigentlich die Beatles? Nilz Bokelberg gibt Antwort.“

  1. Ja, was soll ich sagen. So ist das nämlich, ich hätte zwar erst auf „A Day In A Life“ getippt, aber aus dem Rocker-Kontext ist „I Want You (She’s So Heavy)“ natürlich sinniger. Ich kann ja Leute nicht verstehen, die die Beatles nicht mögen – ich meine, eklektizistischer kann eine Band ja kaum sein, da MUSS es ja irgendwo eine Schnittmenge geben. Na, vielleicht genau deshalb.
    Aber schöne Geschichte jedenfalls, und ein sehr spätes Erweckungserlebnis.

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