Ja, Panik – DMD KIU LIDT

Ja, Panik sind sich selbst manchmal zu viel. Wenn sie in den Spiegel gucken, sehen sie sich mit Studentenhut und Molotowcocktail. Sogar Mutti erwartet jetzt was Durchdachtes. Ein Werk für die Ewigkeit. Beim Titel fängt das schon an. Ach ja, und Kapitalismuskritik tut auch gut. Und Bob Dylan erst.
Die neue Platte wirkt so, als würde sie sich von den Musikern lösen wollen. Die Instrumente werden zwar noch gespielt, doch irgendetwas steuert die Berlin-Österreicher. Die Fäden sind gelegentlich zu sehen. Wie ein steifer Nacken schmerzt manch Akkord. Er würde gerne zu Ende gedacht werden. Songs sind nur Anrisse. Vertrackte Hirnfickerei. Ein Klavier darf nur Buße tun. Wann kommt die Hookline? Oder bin ich so doof, dass ich das hier nicht begreife. Habe ich Musik überhaupt noch nie begriffen? Wie ein Dienstmädchen bleibt alles schwarz gekleidet. Einige Töne wehren sich sogar gegen die ungelenken Worte. Die Stechkarte wird gelocht, dann werden Texte in Musik gegossen. Spechtl kann mit Worten ganz gut umgehen, doch oft versucht er Gedankenströme umzuleiten und gerät in Probleme, weil der Song gar keinen Platz mehr lässt. So scheppert eine Strophe schon mal stumpf runter. Habe etwas von Velvet Underground gelesen. Frechheit!

Spechtl suhlt sich in englischen Teilen und klingt dabei wie Thies Mynther bei der Allwissenden Billardkugel, einer Band, die damals keinen zu interessieren schien. Aus heutiger Sicht die Band mit den besseren Songs, aber das nur am Rande. Spechtl liebt es zu übertreiben, seine Stimme steht über den Tönen, über den musikalischen Querverweisen. Auch habe ich lange keine Songs mehr mit Vornamen im Text gehört. Nach Rossmy hat das keiner mehr gemacht. Hat mir nicht gefehlt, Andreas!
Die Musik fordert nicht, sie steht auf dem Zettel, der in der Wirtschaft verloren gegangen ist. Alles klingt als hätte Spechtl die Texte ohne Musik mit Phantasiephrasen eingesungen, danach sind seine Kollegen gekommen und haben irgendetwas drüber gegniedelt. Wie ein früher Knarf Rellöm versucht Spechtl, alte Gedanken in neue Formen zu gießen. Manchmal gelingt das sogar, doch die Musik ist zu beliebig und ohne faszinierende Dynamik präsentiert. Rockmusik für Langweiler, die eh nur auf Chartpositionen schauen oder alles kaufen, was irgendwo mehr als 5 Sterne bekommt. Ein Album für die Twitter-Favgemeinde. Man muss schon genauer hinhören. Die Gitarren schludern in der Breite und die verstimmten Streicher gaukeln großes Kopfkino vor. Spechtl textet und textet. Die Platte scheint ein Theaterstück mit Musik zu sein. Die Schauspieler sprechen fremde Texte und Method Acting bleibt in der Kantine hängen.
Ist das der Neuentwurf für Pop? Ist das die Zerstörung von Rock? Da soll sich bitte das Feuilleton drum kümmern! Lobeshymnen sind auch nicht immer von Dauer und oft so unnötig wie ein Kropf. Poesie, die immer nur etwas andeutet und selten ihr Gesicht entblößt haben Ja, Panik da geschaffen. Ein Hörspiel für Schlaumeier, die vergessen haben, wie Musik berühren kann, die sich selbst zu ernst nehmen und mit ihrem Wissen hausieren gehen. Spechtl ist nicht Jarvis Cocker, aber Zloty, nevermind.

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