Jamie Woon – Mirrorwriting

Du stehst auf Handclaps? Du schnippst gerne mit den Fingern, wenn es die Zeit zulässt, in der dein Smartphone mal nicht in deinen Händen ist. Deine Chat-App blubbert vor den McDonalds dieser Welt. Die Fastfood-Kette bleibt Treffpunkt für Ausgehwütige. Ein Cheesie geht immer.
Jamie Woon bringt dir die Nacht näher. Und in der Nacht wartet der Mainstream an jeder Ecke. Nicht nur beim Essen wird nicht mehr auf die Figur geachtet. Auch in der Musik sind nun alle Fettsäuren erlaubt. Eine Gesangsmelodie kann schon mal so was von schmalzig sein, dass sogar die Mädels die Augen verdrehen. Aus jedem Club böllert der Bass heraus. Die Nacht ist jung und ich wohl schon zu alt. Zu alt für R’n’B, zu alt für Bieber, vielleicht sogar auch für James Blake. Doch wo Blake oder Nicolas Jaar auf Understatement setzen und sich für das Weglassen entschieden haben, ist Jamie Woon in Geberlaune. Er reibt sich mit aller Kraft an den Charts, an Timberlake und Konsorten. Seine Taschentücher gibt es frei Haus. Er will den Soul für die Nacht, die Bassdrum für dein Cabrio.

Die Jungs im Club werden gefühlsduselig nach drei Gin Tonic, und fangen sogar an zu tanzen. Jamie Woon ist da der richtige Tröster. Er gibt dir etwas Hoffnung in der Nacht, dass auch du deinen richtigen Platz im Leben finden könntest. Romantik steht auf der Tagesordnung. Fang schon beim Frühstück damit an, doch Jamies Musik funktioniert nur im Schwebezustand, zwischen Ausgehdrang und Afterhour, in der Handtasche oder in der puffigen Ecke deiner Altstadt-Disse. Der Duft von billigem Aguilera-Parfüm liegt in der Luft. Die Stücke fransen schon mal aus und stellen die Percussions in den Vordergrund und warme Chöre geben dir Herzschmerz und Klopfen. Einige Stücke rücken sogar ins Akustische ab. Eine Gitarre spielt jazzige Akkorde. Der Strand ist nicht nur im Urlaub schön.
Die Songs wollen ernst genommen werden. Wollen noch intimer sein, doch die Nacht ist versaut und alle wollen schnellen, dreckigen Sex. Bei Jamie Woon sind immer die Laken sauber, er hat immer die gesangliche Antwort parat. Er versucht Geschichten zu erzählen, vergisst dabei aber, dass er nur einer von vielen Lovern ist. Ich entscheide mich heute gegen ihn und hole mir an der Tanke noch ein Bier. Oh, eine Schlägerei! Die Jugend bekämpft sich selbst, anstatt sich zu feiern. Jamie Woon hat schon jetzt Schaum vorm Mund, aber nicht vor Gier, sondern von seinem großen Latte.

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