Fleet Foxes – Helplessness Blues

Rockmusik bekam ein neues Gesicht. Man hatte das alte so satt, so dass man alles, nur nicht Rock machen wollte. Blöde Frisuren und das Groupiegetue waren wirklich am Ende. Man ließ sich wieder Bärte wachsen. Folk wurde aus der Traditionsecke gehoben und mit Harmonien versehen, die nicht nur Lagerfeuer, sondern auch Konzerthallen beschallen konnten. Rock bekam wieder Poetry zurück.

Eine Tiefe, die nicht immer nur im Wald zu finden ist, nimmt von Songs Besitz. Nicht nur auf Wandertagen oder Prozessionen. Die Fleet Foxes waren die Band, die sich im Schneidersitz Fans erkämpfte. Für sie war eine Melodie wichtiger als ein Backstage-Pass oder eine Zeile bedeutender als der ganze Glamour. Ein Lied wird in die Welt getragen, da ist der Nachtisch nicht mehr so wichtig. Sie haben sich Zeit gelassen. Sie wollten und mussten weiter reifen. Nun sind sie zurück und lassen ihre Mächte sprechen. Ihre Gitarren sind wie immer wunderbar aufgenommen und gespielt. Sie behalten ihren warmen Sound, ihren Körper. Eine Zwölfsaitige kann zu einer Wunderwaffe werden. Robin Pecknold singt wie auf dem Kirchentag. Mit geschlossenen Augen trägt er die Songs vor, als würde es um Leben und Tod gehen. Eine Mystik schwingt mit, die aber nicht unangenehm aufstößt, sondern eine Zeit huldigt, in der Sänger noch ernst genommen wurden und man nicht von Performance sprach, sondern von Vortrag oder Predigt mit Gesang. Er verwickelt sich in Zwiegespräche. Pecknold ist ein variantenreicher Sänger, der immer dann an Kraft gewinnt, desto höher seine Melodien pirschen. Das Leben kann einsam sein oder einsam machen.
Die Fleet Foxes zelebrieren ihre Musik. Ein Sextett, das seine Mitstreiter huldigt. Aufgaben wurden verteilt. Jeder hält sich an den Masterplan. In jedem Winkel, mit jeder Spitze. Sie machen ein Schleifchen drum. Kannst du so mitnehmen und zu jeder Tageszeit an Unwissende verschenken. Chorale Momente besinnen sich auf einen Fluss. Der Schellenkranz unterstützt den großen Moment, der sich steigert, in dem die Gitarren gegeneinander laufen. Akustik vom Feinsten. Wind braust auf. Der Fluss singt alte Simon and Garfunkel-Wahrheiten, die wirklich kein Licht brauchen. Im Dunkeln sitzen die Fleet Foxes und beruhigen sich selbst, wenn mal ein Zwischenteil die Kirche abgeräumt hat. Geisterhafte Beach Boys lauern im Schilf. Ihre Segelschuhe sind grün. Die Byrds werden mit krummen Akkorden in die Magengrube getreten. Eine Melodie verläuft sich nach unten. Ein Freejazz-Solo, dass sogar John Zorn aufscheuchen lässt, bricht einfach so ins Abendrot. Die Lorelei wäscht ihre Haare mit Timotei. Die Sonne brutzelt dir auf der Kopfhaut. Du staunst und kratzt dich. Besser kann man es wohl nicht machen. Songwriting der Güteklasse A. Jeder noch so kleine Schlenker, egal ob in der Stimme oder auf dem Reißbrett, ist schlau durchdacht. Zeitlose Musik, die mich zu Tränen rührt. Es wird Zeit, dass ich mit dem Wandern anfange.

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