Frieder Butzmann – Wie Zeit vergeht

Da ist er wieder, unser Vertrauensmann des Volkes und Anwalt des experimentellen Tönchens. Es brummt, es dreunt und es blubbert. Ein in sich zusammenfallendes und nicht mehr ganz leichtes Flattern schiebt sich von hinten kommend an unseren lauschenden Ohren vorbei. Was ist hier Rand und was die Mitte? Man weiß es nicht. Nur, dass da auch etwas oszilliert. Zum Beispiel. Und immer wieder als Paradedisziplin über das unübersichtliche Feld gallopierend: sich widersprechende Stimmen dringen von außen ein, sie überlagern sich, sind verzerrt und manche auch verstimmt. Der Vergleich mit einer Sendersuche bei einem Kurzwellenradio liegt nahe. Doch mehr noch winkt von ganz hinten eine Dramaturgie des Kunsthörstücks.
In manchen instrumentalen Momenten stehen die ausladenden Kompositionen von Frieder Butzmann in einer Nähe zu Produktionen wie “Liedgut” von Atom TM. In anderen dann wieder, wenn Wellenformen einzeln seziert werden leben Traditionen der klassischen Moderne auf. Die Nähe zu den Pionieren der elektronischen Klangerzeugung wird offenbar. Nichts ist hier peinlich, selbst das Sample des Wortes „Stockhausen“ klingt nicht deplaziert.
Denn all diese eingebauten zuweilen fast albernen Details funktionieren unter anderem deshalb so gut, weil es eine enge stilistische Verwandschaft von „Wie Zeit vergeht“ mit dem Genre des Hörspiels und mit den Traditionen des Dadaismus gibt. Wenn übertrieben emphatische Stimmen absurde Litaneien zu allerlei Blautönen vortragen, entbehrt das nicht einer gewissen Komik und würzt die Komposition mit einer Unbeschwertheit, die so mancher genreverwandten Veröffentlichung fehlt.
Frieder Butzmann, der schon mit Genesis P. Orridge, Blixa Bargeld und Gudrun Gut kollaborierte und dies z.B. heute immer noch mit Wolfgang Müller tut, muss nach Jahrzehnten der experimenteller Pionierarbeit niemandem mehr etwas beweisen. Die aus diesem Status erwachsene Abgeklärtheit steht ihm gut, bringt sie doch eine meisterliche Lässigkeit mit sich. So erfreut mich Frieder Butzmann mit einem ebenso vielschichtigen wie humorvollen Album. Eine Kombination, die in den Salons der ambitionierten zeitgenössischen Musik leider viel zu selten anzutreffen ist.
“Wie Zeit vergeht” erschien im März 2011 bei Pan.
Frieder Butzmann - Wie Zeit vergeht

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