Bill Callahan – Apocalypse

Jetzt hat Bill Callahan endlich seine eigene Apokalypse. Sein Bariton dunkelt sich durch ein Amerika, dass für ihn immer noch nicht genug bereit hält, ihn enttäuscht und ins Unglück laufen lässt, doch fliehen möchte er auch nicht, da hat das große Wort Heimat auch noch ein Wörtchen mitzureden oder eine Frau, die ihr Ja-Wort vor dem Altar gab. How could I run without losing anything? How could I run without becoming lean?

Bill nutzt seine durch das letzte Album zurückgewönne Präsenz, um dort anzuknüpfen. Die Songs sind wieder klar strukturiert. Kleine Akzente, wie eine Picking-Gitarre oder eine Geige geben Bill den Halt, den er braucht, um sich ganz auf seine Texte und seine Stimme zu konzentrieren. Sein funky America-Blues schenkt dann seinem Land doch ein Küsschen.
America! America! I watch David Letterman in Australia.
Oh America! You are so grand and gold, golden. I wish I was on the next flight to America.


Bei Callahan weiß man oft nicht, was purer Zynismus ist oder wahre Leidenschaft. Seine Backingband ist, wie eigentlich immer schon, daran interessiert Bill zu unterstützen. Sogar ein Gitarren-Solo spielt sich nicht in den Vordergrund, sondern gesellt sich neben Bill. Wenn du nicht mehr kannst, übernehme ich. Wieder gibt es Hymnen, die stoisch der Monotonie folgen. Jeder Akkordwechsel bringt Sonne und Honig. Die Gitarren singen leise neben einer Querflöte, die wie ein Bienenschwarm vorüberrauscht.
Bill singt mal wieder göttlich, seine Texte sind immer noch große Bilder. Immer nahe an der Selbstaufgabe und an der Verzweiflung, doch es gibt es einen kleinen Streif am Himmel, der einen wenigstens noch den nächsten Tag erleben lässt. Eine Lichtung geht in “Universal Applicant” in die neuen Waldkarten ein. Ein Klavier klimpert, die Band tut sich auf und Bill singt: And the punk. And the lunk. And the drunk. And the skunk. And the hunk. And the monk in me. All sunk. Sunk, sunk, sunk, sunk, sunk.
Der vielleicht schönste Song des Albums ist “Riding for the Feeling”. Ein Selbstfindungstrip kurz vor einem Abschied. Egal ob zu Wasser oder an Land, man reitet und sucht nach dem großen Gefühl. Man fischt nach kleinen Gesten, nach Worten der Vertrauten. Nach Antworten. Der Spiegel verzerrt einfach zu sehr.
With the TV on mute. I’m listening back to the tapes. On the hotel bed. My, my, my apocalypse.
Bill meldet sich mit seiner Apokalypse genau rechtzeitig zurück. Bevor die Frühlingsgefühle losgehen und man sich nur noch selbst belügt, sollte man sich ein letztes Mal erden. Wirklich tolle Platte. Und am Ende pfeift er noch, wie ein Dean Martin auf Valium.
If this is what it means to be free. Then I’m free and I belong to the free. And the free, they belong to me.
Immer wenn Bill auf glücklich macht, macht mir das Angst.

0 Gedanken zu „Bill Callahan – Apocalypse“

  1. Mir gefällt das Album wieder sehr. Und obwohl es auf den Namen “Apocalypse” hört – ich kann mir das sehr wohl auch für die Frühlingsmonate vorstellen. Überhaupt scheint bei Callahan im Gegensatz zu bspw. Josh T. Pearson immer noch ein wenig Sonne. Auch wenn ich Deinen letzten Satz natürlich sofort unterschreiben würde;)

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