Stabil Elite – Gold

Ich kann in der Rückschau nur mutmaßen welche Produkte der Stabil-Elite-Konzern in Tom Toelles „Das Millionenspiel“ 1970 im Portfolio hatte. Handelte es sich um scheinbar harmlose Schokoriegel, um Waschmittel etwa und um Zigaretten? Oder wurden vielleicht sogar technische Produkte den imaginären Massen untergejubelt?
Klar scheint an seiner damaligen Rolle, dass, gäbe es im realen Deutschland des Jahres 2011 den Stabil-Elite-Konzern, und würde dieser, sagen wir mal, Wasabi und Sojasaucen importieren, dann hätte dessen PR-Manager die aktuelle Heraufsetzung der EU-Strahlengrenzwerte für ebensolche Produkte aus Japan sicherlich mit einem Veitstanz über unser aller goldenen Herzen gefeiert.
Da finden die drei Düsseldorfer Musiker Lucas Croon, Martin Sonnensberger und Nikolai Szymanski ihren Bandnamen also in einem der Fernsehfilm-Mediendystopie-Klassiker aus den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts. Gut gewählt möchte man auf Holz klopfen, ganz ohne Verwandlungsgefahr, und staunt ebenso über gepflegte Kleidung wie über die haarfein glattgezupften Arrangements.
Alles an den künstlerischen Äußerungen von Stabil Elite scheint wohl bedacht und nach einem Masterplan konstruiert zu sein. Von den Einflüssen, den Texten, über die Bandfotos, einen Super-8-Film bis hin zu Kollaborationen und vielleicht sogar dem VÖ-Termin dieser EP, der nämlich auch der Todestag von Klaus Dinger ist. Dennoch geben sich die drei nicht als düstere Propheten, wie man vermuten könnte. Vielmehr ist die musikalische Welt der Stabil Elite gekennzeichnet von einer sehr genau ausgewuchteten Mischung aus Ernsthaftigkeit und Unbekümmertheit, aus Ordnungswillen und Poesie; nicht unähnlich dem Oeuvre der Band MIT.
Was dieses Gefüge jederzeit in der Waage hält, ist die Kontrolle unter der alles, was Stabile Elite berühren, steht. Jeder Tastendruck, jeder Rhythmusschlag, jeder Akkordwechsel ist bis aufs Gramm genau gewogen. Zu all dem passt der tonlose Sprechgesang. Das Gesamtbild ist stimmig und klar. Mehr durch Perfektion und Historisierung als durch Überraschung möchte Stabile Elite in Erinnerung bleiben. Die Gruppe pflegt die Selbstkontrolle als ihr charakteristisches Kernattribut kombiniert mit einem eleganten Weichmacher namens Dichtung. Allerdings, die Attitüde der kühlen Ausgewogenheit, die alles überragt, ist auf Dauer zu wenig. Ohne weitere Brechungen wird die Gewogenheit schnell zur mittelmäßigen Indifferenz zwischen musikalischer Herkunft und stilistischem Erneuerungswillen, zwischen zeitgemäßem Pop und historisierender Elektronik. Mal abwarten, ob das für den Herbst angekündigte Album etwas mehr Dynamik und Dissidenz mit sich bringt.
„Gold“ ist am 21.03.2011 bei Italic erschienen.
Stabil Elite

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