Anne-James Chaton – Événements 09

Ein Wort ist ein Wort ist ein Wort. Und ein Vers ist ein Fels in der Brandung aller Stimmen. Wir schnappen nach Luft, weil wir in den Ereignisketten der Welt zu ertrinken drohen. Zumindest fürchten wir uns davor. Denn die Konfusion ist groß, draußen in der Welt, ebenso wie drinnen in den Versen der „Èvénements 09“. Wir Artisten in den Zirkuskuppeln der Welt sind ratlos: Das ganze Leben besteht aus Copy & Paste.
Kryptische Datenschleifen fliegen uns als schrapnellartig umherspritzende Worthülsen um die Ohren. August Stramm jubelt von ganz oben. Es geht nicht um die Neudeutung von Sprache. Die Fragmente banaler Alltagsnachrichten, die hier ihrer natürlichen Umgebung entrissen werden kreischen einfach. Sie kreischen und brüllen und kratzen, und das, obwohl die Vortragsart fett und kühl ist. Es geht um die Befreiung der Wörter von ihrer gemeinen Bedeutung. Erst dann können sie eine neue poetische Kraft entfalten. Und wir können geschützt durch eben diesen kühlen Wortwall endlich mal richtig durchatmen.
Der Rhythmus der Sprache ist das Pferd, das der französische Klang-Poet Anne-James Chaton bis zur Besessenheit reitet. Gnadenlos prügelt er uns mit dem kalten Druck einer aggressiven Studioproduktion, ganz so wie man es von einer Raster-Noton-Veröffentlichung erwartet, seine Wortgewitter um die Ohren. Wir hecheln beeindruckt hinterher, hinter all dem Wortmüll von Tickets und Schlagzeilen, den Barack-Obama- und Pina-Bausch-Mantras. Das hätte schnell ziemlich nervig werden können, wenn seine loopartigen Textausschnitte nicht von einem einfachen aber klug voran treibenden Beat unterlegt wären. Ausdrücklich eigenartig. Vortrefflich. Absolument!
“Événements 09” erscheint im März bei Raster-Noton.

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