Deerhoof and Friends Live – New York City, Le Poisson Rouge 14.3.2011

Nur drei Tage nach dem Erdbeben und dem Tsunami in Japan gastierten Deerhoof in New York. Das Carnegie Hall’s 2011 Japan NYC Festival war schon lange vorher geplant. Absagen kam nicht in Frage. So wurde es ein nachdenklicher Abend, der aber trotzdem auch seine lustigen Seiten hatte.
Drei Acts waren angekündigt, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Mir waren nur Deerhoof bekannt und ich freute mich schon seit Wochen auf ihren Auftritt während meines New York-Aufenthaltes. Das Poisson Rouge ist ein schicker, dunkler Laden, der zwei schöne Theken und eine tolle Anlage besitzt. Draußen macht ein Türsteher auf wichtig und kontrolliert die ID-Cards. Es ist angerichtet und ausverkauft.
Zuerst kommen die japanischen Beteiligten der Bands auf die Bühne und starten eine Tombola. Mit CD-Preisen, T-Shirts und selbstgemachten Flip-Flops geht es um 10 Dollar Spenden. Alles natürlich für die Menschen in Japan, die durch die Katatstrophe dringend Hilfe benötigen. Dann beginnt die Show.

Foto von Zloty Vazquez

Ichi, der Helge Schneider aus Japan macht den Anfang. Auf Stelzen kommt er durchs Publikum gestackst, auf der Bühne hat er sein Kinderzimmer aufgebaut, mit Xylopphon, Luftballons und Böllern. Hip Hop-Beats unterlegen seine Miniaturen, die er leicht spleenig, auch mit seiner Stimme auf japanisch begleitet. Er ist ein begnadeter Musiker. Er bläst das Horn, klöppelt die Steel Drum mit Ping Pong-Bällen. Katzeklo für die ramponierte Seele. Lustig und kurzweilig.

Emerald House (performed in a public sento)

Ichi | Myspace Music Videos

Nach einer kurzen Umbaupause geht es weiter. If By Yes betreten die Bühne. Und wen sehe ich da? Nels Cline, den Zaubergitarristen von Wilco. Den Freejazzer und Klangkünstler auf sechs Saiten. Ich freue mich.
Petra Haden, Tochter von Jazzgröße Charlie Haden und Yuka Honda an den Keyboards sind die Gründer von If By Yes. Ihr Avant-Pop ist schmalzig. Wie eine bekiffte Björk klingen die Songs, die auf die Stimmen von Petra Haden und ihrem Sidekick aufgebaut sind. Wie zwei Elfen tänzeln die beiden Sängerinnen über die Bühne und strapazieren ihre Stimmbänder. Nels Cline hält sich zurück, was mich natürlich enttäuscht. Sogar Cornelius-Band-Mann Hirotaka “Shimmy” Shimizu und Drummerin Yuko Araki bekommen mehr Luft. Gut, sie gehören auch zur Band. Nels ist halt nur Gast. Genau wie David Byrne, der kurz bei einem Song die Bühne entert und unter Jubel den besten Song von If By Yes veredelt.
Dream-Pop ohne den Refrain zu ehren, machen If By Yes. Sie schlängeln sich zur Avantgardetreppe, stolpern aber nicht, sondern schleimen. Immer höher gehen die Stimmen, die Flausen. Ein Schlenker hier, eine matschige Keyboardlinie da. Nicht ganz mein Ding, obwohl man Hadens Stimmenumfang Tribut zollen muss. Sie vergisst halt Songs zu schreiben, die mehr sind als Muckerweisheiten.
Foto von Zloty Vazquez

If By Yes from Love Supreme on Vimeo.
Endlich betreten Deerhoof die Bühne und machen Radau. Drummer Greg Saunier macht das Tier. Wahnsinn. Verrückte Breaks, mit unglaublichen Tempowechseln. Unglaublichen Druck entwickelt Saunier. Dazu zelebrieren die beiden Gitarristen Ed Rodriguez und John Dieterich das Wechselspiel zweier gleichberechtigter Solokünstler. Sie geben sich beide Raum und treten dezent, aber gekonnt ihre Verzerrer. Kleine Teile werden sanft umspielt, um dem finalen Stoß noch mehr Kraft zu schenken.
Super-Noiseattacken umgarnen poppige Linien, die von Bassistin und Sängerin Satomi Matsuzaki wunderbar aufgenommen werden, um dem Ganzen noch einen groovigen Touch zu verleihen. Lange keine so gut eingespielte Rockband mehr gesehen, die es vermag spleenig, wilde Teile in gradlinigen, ja fast Mitpfeifpop zu verwandeln. Alte Songs reihen sich ungeniert neben Neuen ein. Die Fans singen einzelne Zeilen mit und lassen Deerhoof nicht von der Bühne, obwohl es schon spät geworden ist.
Foto von Zloty Vazquez

Der Abend geht mit der Übergabe der letzten Tombolapreise zu Ende. Deerhoof waren der Knaller. Noch auf dem Nachhauseweg, in der U-Bahn und im Hotelzimmer schwärme ich von der Gitarrenarbeit der beiden Deerhoof-Jungs und wie geil doch Greg Saunier am Schlagzeug ist. Gänsehautkonzert. Eine seit Jahren unterschätzte Band ist auf ihrem Höhepunkt. Sie spielen im Mai in Hamburg. Diesmal rauche ich drinnen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.