Discodeine – Discodeine

Hinter der roten Kordel sitzen die Very Important People. Sie schnuckeln an großen Vodkaflaschen. Von den Mädels kennt man keine, die Jungs hat man schon mal auf einer Finca gesehen. Die Disco ist voll und der Pöbel tanzt. Hinter den Reglern sind Benjamin Morando (Pentile) und Cédric Marszewski (Pilooski) aus Frankreich. Keine schlechte Wahl, dachte sich der Veranstalter.
Sie nehmen immer wieder das Tempo raus und werden nachdenklich. Waren die 80er wirklich so schrecklich? Sie glauben nicht und mischen die alten Ideen mit neuer Perkussion. Regionale Besonderheiten werden nicht mit einbezogen. Pop wird eher klein geschrieben, obwohl natürlich alles relativ sauber und schön klingt. Doch Pentile und Pilooski wollen nicht den Holzhammer schwingen. Sie sind eher an verwegenen Gesten interessiert. Schnell werden die Partymäuschen unruhig. War hier nicht eine große Sause angekündigt worden? Genau in diesen Momenten sind die beiden Franzosen am stärksten. Immer dann, wenn sie die Großraumdisco umschiffen, etwas Düsteres dazwischen schieben, um dann den Karren, mit einer geraden Bassdrum aus dem Dreck zu ziehen.

Auch hinter der roten Kordel wird es langsam bunter. Jarvis Cocker hat sich dort platziert und raucht. Baxter Dury hat ein Indie-Shirt an und macht auf NME-Starlett. Matias Aguayo hat eine gehauchte Version seiner Stimme in der Jackentasche. Für Discodeine ist das alles nur Beiwerk. Sie konzentrieren sich auf Flächen und kleine Melodien.
Die ersten Mädchen gehen. Ist ihnen einfach nicht prollig genug. Die Nerdbrillen werden wie 3D-Brillen einfach am Ausgang in eine Tonne geworfen. Der Synthesizer macht eine schlanke Figur. Im Spiegel betrachtet ist er eigentlich dicker. Discodeine spielen mit der Täuschung. Sie machen auf dicke Hose. Alles zwar nur auf Pump, aber was soll’s. Sie huldigen Giorgio Moroder. Warum? Keine Ahnung.
Nach fünf Tracks ist der Laden nur noch halbvoll. Alle, die jetzt noch da sind warten auf Cocker. Der erhebt sich als draußen die Sonne aufgeht und watschelt gen Pult. Die HiHat zischelt einen Tusch. Cocker fängt an zu singen. Er croont sein Kauderwelsch-Englisch. Keyboardspitzen machen die Streicher. Cocker singt sich in Höhen. Es klingt so als hätte er den Song noch nie gehört. Die Übriggebliebenen feiern. Na endlich! Es hat sich doch gelohnt zu bleiben. Jarvis ist mal wieder der Heiland. Er liebt diese Rolle. Dann ist Schluss. Als Rausschmeißer gibt es ein zehn Minuten Ambient-Flirren mit leichtem Beat. Nach fünf Minuten entdeckt ein Monster seine Daseinsberechtigung. Ein kurzes Schnaufen. Aus die Maus. Das Licht geht an, Jarvis ist schon im Hotel und das Thekenpersonal putzt mit ollen Lappen die Nerdbrillen für den nächsten Abend. Frankreich ist überall.
Discodeine ist auf Pschent erschienen

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