206 – Republik der Heiserkeit

206 hängen sich aus dem Fenster. Sie wollen anecken, sie wollen auffallen. Sie wollen ein Gesicht. Fratzen haben die Anderen, die Medien und der verschissene Alltagsblues sowieso. Ruppige Gitarren werden genutzt, um dem stoischen Bass unter die Arme zu greifen. “Wie weit darf ich gehen?” Das Schlagzeug geht überall mit hin, außer zum Groovetee.
Tobias Levin lässt 206 ein wenig Auslauf, doch er hält auch den Daumen drauf, wenn die Jungs mal zu plakativ rocken. Er will wohl eher die Einfachheit des typischen deutschen Punkgegrätsches vermeiden. Man muss wieder englischer denken. Gut, dass die Stücke immer schnell rum sind, denn musikalisch enttäuschen 206 schon. Der Opener ist ein gutes Beispiel und leider auch der schwächste Song des Albums. Warum haben sie ihn dahin platziert? Zackige Gitarrenchords werden aneinander gereiht. Eine kurze Steigerung, die nur im Anschlag zu messen ist, nur in der Rhythmik. Kleine Soundveränderungen, eine gedoppelte Gitarre mit leicht verzerrter Mimik und eine sich wiederholende Parole sind Gerüst für einen Text, der gar nicht so dumm ist, wie er auf den ersten Blick erscheint. Das ist aber auch das Problem von 206. Der erste Blick des Adressaten ist immer ein bisschen zu kritisch. Leider. Aber das weiß man und eigentlich versucht man sofort auf den Punkt zu kommen. Das gelingt 206 nicht. So muss man schon Zeit und Aufmerksamkeit mitbringen, um den schnellen Texten zu folgen. Die Songs rauschen vorbei. Immer, wenn man glaubt, dass nun etwas Großes kommen könnte, ertönt der Schlußakkord.

Klassenkampf der Klassenclowns und Existenzialisten. Man hat wieder einen Mund. Viel Pathos schwingt in den Songs mit. Bei “Baader” wird schon mal gebrüllt, doch die Songs stecken nicht an. Sie verwirren nicht. 206 wollen mehr sein, als sie im Endeffekt sind. Eine Band, die deutschsprachige Texte in Musik kleidet, die manchmal spießig, manchmal plump ist. Sie hätten den Songs mehr Raum geben sollen. Die Kurzatmigkeit der Songs, macht sie beliebig. Man hat beim nächsten Slogan schon den vorherigen ganzen Song vergessen. Gab es eine Melodie, eine Hook? Man grübelt noch über die in den Medien kursierenden Vergleiche mit Palais Schaumburg und den Zitronen nach, da ist alles auch schon rum.
Zu trotzig kommen 206 daher, sie vergessen, dass nicht nur eine Attitüde einen Song prägt, sondern auch ein Gefühl umspielt mit einer Melodie oder zumindest ein Riff, der funzt und kleben bleibt. Sie wollen zerstören, doch leisten nur Aufbauarbeit für ein totgedudeltes Genre.
Verkrampft spielen sich 206 in Rage, die, wenn sie autark rüber kommt, manchmal sogar fesselt. Für ein Neu-Wave-Debüt, wie die Band ihre Musik namentlich eintütet, einen Hörversuch wert.
Republik der Heiserkeit ist auf ZickZack erschienen.

0 Gedanken zu „206 – Republik der Heiserkeit“

  1. Na ja… Weiss nich was bei dir so alles vorbeirauscht?? Ein intensives, energiegeladenes Wahnsinnsdebut ohne Lückenfüller jedenfalls. Rate Allen mal fundierte Rezi vom OX oder Intro usw zu lesen. Schreib nich so krampfhaft… ;-)) Wenn, dann am ehesten mit Abwärts zu vergleichen

  2. Hi me, die Band war jedenfalls mit der krampfigen Rezi durchaus einverstanden. Ich hatte eher das Gefühl, dass sie vielleicht die fundierten Rezis des Ox oder der Intro langweilen. Du hast auf jeden Fall die brillianten Beobachtungen des ME und des Rolling Stone vergessen. Und die der Spex? Schön, dass es so viel Auswahl gibt.
    Was eint uns und verlässt uns nie?
    Das goldene Band der Sympathie!
    Wer überlebt, stirbt niemals aus?
    Der gute Mensch und Santa Claus!

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