James Blake – James Blake

Die Hype-Maschine der internationalen Musikpresse läuft auf Hochtouren. Sie wirft mit allen Waffen ihrer Zunft um sich, schreibt von „sehnsüchtigen Erwartungen“ und „unumkehrbaren Innovationen”. James Blake wird das freuen, denn er sitzt auf seinem aquadynamisch optimierten Surfbrett ganz oben auf der Welle, die tsunamiartig über uns rollt. Währenddessen sinkt Justin Timberlake vor Ehrfurcht auf die Knie und Burial zündet eine Kerze an.
Und in der Tat rollt die Welle durchaus zurecht. Man kann sich staundend zurücklehnen und das Schauspiel beobachten. Da entfernt sich also ein Londoner Nachwuchspianist, der innerhalb eines Jahres auf 4 EPs experimentiert hat, im Eiltempo von seiner vielzitierten Verwandschaft, dem Dubstep und minimalistischer Electronica. Er dekonstruiert gewohnte Arrangements, entschlackt die Instrumentierungen, und setzt Songs mit erstaunlich intensiver Expressivität neu zusammen. Starke Kontraste, große Pausen und rhythmische Unübersichtlichkeiten überzeugen auf ganzer Linie.
James Blake gelingt mit seinem Erstling die moderne Synthese einer technologischen Ästhetik, die nicht nur in Form von außer Kontrolle geratenen Effekten daherkommt, sondern mit einer allgegenwärtigen sentimentalen Durchtränktheit. Man hat beim Hören des Albums geradezu das Gefühl in Echtzeit der Evolution der Kommunikation zwischen Mensch und Maschine beizuwohnen. Die gegenseitige Durchdringung von Organismus und Maschine findet seinen klanglichen Ausdruck als neuzeitliches Phänomen mit den Symbolen des 21. Jahrhunderts. Die Stimme wird maschinisiert und die Maschine lernt sprechen. Noch glauben wir zu wissen, wer da zu uns und über sich singt. Doch wir spüren, dass sich das schon bald ändern kann, wenn es heißt: “Long live the new flesh!” Weil der Reiz des Hybriden ungebrochen zu sein scheint, läuft uns für den Moment der Schleusenöffnung zu bisher Unerhörtem ein Schauer über den Rücken. Wir stehen erst ganz am Anfang. Auch wenn ich einräumen muss, dass ich dieses Album wegen des großen R’n’B -Anteils nicht heißblütig lieben werde, erkenne ich hiermit James Blakes Leistung uneingeschränkt an.

„James Blake“ erscheint im Februar bei Polydor/Universal.
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0 Gedanken zu „James Blake – James Blake“

    1. Auch ich kann mich dem allgemeinen Sog nicht entziehen, lasse mir einen DSP in den Unterarm implantieren und nehme ab sofort Gesangsunterricht. 😉 Viele Grüße!

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