Emily Jane White – Ode To Sentience

Wie ein wärmender Muff legen sich die Songs von Emily Jane White über deine Hände. Du reibst sie aneinander. Es gibt Dir dieses wohlige Gefühl, zu Hause zu sein. Emily Jane White meldet sich auch 2010 pünktlich zurück. Kurz bevor der Baum geschmückt wird oder die letzten Geschenke in buntes Papier gehüllt werden. Spitzen Timing!
Emily Jane hat aber ein wenig mehr Licht im Gepäck als vermutet. Der Stall wird ausgeleuchtet. Auch in den letzten Ecken kann der Bauer noch seine Melkmaschine sehen oder ist das Jesus da in der Krippe? Emily Jane singt mit leichter Hallstimme über ihre fliegenden Pickings. Manchmal wird die Gitarre verstärkt. Das hat dann was Erhabenes. Das kleine Ensemble hat die Geige spendiert und das Cello hat Stroh auf dem Hals. Emily Jane atmet laut. Sie vertraut ihrer Ruhe, ihrer Honigbiene. Ein Summen wird zur Enklave.

Die Songs sind frischer als auf dem Vorgänger. Sie strahlen, haben Gänsehaut auf den Armen und rudern im Folk-Sumpf mit Bötchen. Dieser leichten Leichenblässe des Vorgängeralbums wird mit einer Heizung entgegengearbeitet. Natürlich bleibt Emily Jane den Traditionen verbunden. Wie bei den Cowboy Junkies oder der frühen Cat Power steckt Wahrhaftigkeit in jedem Chordwechsel. Wenn ihre Mitmusiker einsteigen, werden die kleinen Schattenspiele zur großen Aufführung. Mach die Fledermaus! Die Streicher bleiben Freund und Verbündeter. Die Gitarre zirkelt um sich selbst. Im Kreis sitzt Emily Jane und singt. Ja, sie singt. Tolles Timbre, tolles Gefühl, wahnsinnige Akustik. Die Geschichten sind traurig, doch jede versteckte Hookline rettet den verschneiten Themenabend. Tränen werden zu Stilblüten, zu unnötigem Wasserverbrauch. Eine Stimme kann Leben retten. Auch Deine Stimme.
Whites alte Platten waren schwieriger, düsterer, doch ist das immer ein Kennzeichen für was Besseres? Nur weil man es den Hörern nicht so einfach macht? Eine klarere Platte, die mit so viel Liebe und Herzblut gefüllt wurde, gibt es wohl 2010 nicht. Die Motivik lässt sich wunderbar auf Nackenhörnchen sticken. Da ist mir Konventionalität völlig schnuppe. Die Hausschuhe werden zu Hüttenschuhen. Ein gutes Buch, ein schwerer Wein und Emily Jane. Was will man mehr?

Erschienen bei Talitres

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